“Arbequina“: die Guardia di Finanza entdeckt Fälschungen in der Olivenölindustrie

Quelle: il Cittadino online, vom 26/06/2012 13:02

Übersetzung: Manuela di Bari, Bremen/Bari

Hausarrest für einen Ölmulti und drei seiner Mitarbeiter

SIENA. Mit der Koordination des Pms („Kommissar“) Aldo Natalini, wird gerade von der Fiamme Gialle in Siena in Zusammenarbeit mit der I.C.Q.R.F. (Ispettorato Centrale per la tutela della Qualitá e Repressione Frodi dei prodotti agroalimentari del Ministero delle Politiche Agricole Alimentari e Forestali (Anm. der Übers.: einer Organisation des Ministeriums für die Politik im landwirtschaftlichen und Lebensmittelbereich, die sich mit der Qualitätskontrolle und der Betrugsbekämpfung beschäftigt) an einer komplexen Operation gearbeitet, die verschiedene Betrugs- und Fälschungsfälle in der Olivenölindustrie aufdecken sollte. Die Operation trägt den Namen einer Olivensorte (Arbequina), die heutzutage in Andalusien sehr verbreitet ist und die für die aufgedeckten Fälschungen benutzt wurde.

Während einer routinemäßigen Kontrolle des Finanzamtes bei dem Olivenölkonzern Valpesana S.p.A. in Castellina Scalo, haben die Finanzieri in dem chemischen Labor der Firma verschiedene handgeschriebene Hefte gefunden, die tatsächlich Notizen in kodifizierter Sprache enthalten. Diese beziehen sich auf Ergebnisse unterschiedlicher Versuche, mehrere Öle so zu einem Öl zu verschneiden, dass es dann als Natives Olivenöl Extra verkauft werden konnte.

“In Zusammenarbeit mit der I.C.Q.R.F. in Rom –­ laut der Finanzbehörde in ihrer Pressemeldung ­– wurden diese interessanten Dokumente, das telefonische Abhören und die telematischen Register der Firma untersucht. Das hat uns sehr dabei geholfen, einen betrügerischen Mechanismus aufzudecken, der schon seit 2010 von der Firma begangen wurde. Bewiesen ist, dass die Firma aus Spanien, Griechenland und von außerhalb der EU (Tunesien) Ölmengen gekauft hatte, die nach der EU-Verordnung nicht als Natives Olivenöl Extra zu bezeichnen waren, obwohl sie als solche in dem offiziellen elektronischen Eingangs-/Ausgangs – Register (S.I.A.N. – Sistema Informativo Agricolo Nazionale) eingetragen wurden“.

Zusammen mit der oben genannten Dokumentation wurden außerdem abgeschlossene Verträge gefunden, die den Kauf von Paletten mit Nativem und Nativem Olivenöl Extra aus Spanien beweisen. Neben den offiziell deklarierten Werten der Öle sind in diesen Verträgen handschriftliche Notizen zu finden, die sich auf die tatsächlich wahren chemischen Parameter der Öle (Alkylester, Peroxidzahl, Säuregrad) beziehen und diese liegen so dermaßen außerhalb der gesetzlich festgelegten Grenzwerte, dass die Zugehörigkeit der Öle zu den Kategorien der Nativen Olivenöle Extra oder der Nativen Olivenöle absolut auszuschließen ist. Der Vergleich dieser zahlreichen Dokumente mit der offiziellen Buchhaltung der Firma war in diesem Fall ein Indiz, dank dessen man in den letzten Monaten nützliche technische Bewertungen durchführen konnte, um die tatsächliche betrügerische Tätigkeit der Firma aufzudecken. Die Mehrheit der vermarkteten Öltanks war aufgrund ihrer analytischen Eigenschaften nur als native oder sogar als Lampantöle (nicht zum Verzehr geeignet, Anm. d.R.) einzustufen.

Um ein Olivenöl in der Kategorie der Nativen Olivenöle Extra einzustufen, darf es u.a. einen Säuregrad von 0,8 Prozent, eine Peroxidzahl von 20 meq O2/kg (Indikator des Oxidationsgrades) und eine Alkylesterzahl von 75 mg/kg nicht überschreiten. Der Wert der Alkylester ist ein Qualitätsparameter für extra native Olivenöle. Die Kontrolleure benutzen bestimmte analytische Methoden, um diesen Wert festzulegen. Dieser ermöglicht ihnen, grobe Verschnitte mit Ölen einer niedrigeren Qualität (Nativer Öle, Lampantöle oder desodorierte Öle) zu entdecken.

Zwei Arten betrügerischer Vergehen fanden in dem chemischen Labor der Valpesana statt:

–       Vermischen von innerhalb der EU gekauften Nativen Olivenölen Extra, die nach der EU-Verordnung Nr. 61 vom 24.01.2011 als normgerecht einzustufen wären, mit Ölen niedrigerer Kategorien (Native und Lampantöle) – Verschnitte mit sogenannten Soft-Desodorierern (Betrügerischer Mechanismus für als extra nativ und nativ vermarktete Olivenöle). Ziel war die Bitterkeit zu verringern und damit die Zugehörigkeit zu einer besseren Kategorie zu gewinnen.

–       Verschneiden von Ölen unterschiedlicher Herkunft (Italien, Spanien, Griechenland, Tunesien) und unterschiedlicher Kategorien (extra nativ, nativ). Ziel war die Erzeugung und Vermarktung größerer Mengen Extra Natives Olivenöl, als reines italienisches bzw. griechisches Olivenöl.

Das gefälschte Mischöl wurde in einem hohen prozentualen Satz (manchmal sogar 30-40 Prozent) aus Ölen griechischer und spanischer Herkunft erzeugt. Das Produkt der zwei betrügerischen Mechanismen wurde dann an sehr bekannte italienische Abfüller verkauft, die selber ihr Endprodukt im in- und ausländischen Einzelhandel vermarkten. Teilweise wurde das gefälschte Öl sogar direkt an ausländische Abfüller verkauft.

Im Auftrag des Pm Natalini hat dann das Zentralbüro für Betrugsbekämpfung des Zollamtes in Rom an der Fahndung mitgearbeitet. Dessen unentbehrliche Unterstützung ist sehr wichtig gewesen, um den Warenverkehr innerhalb und außerhalb der EU zu untersuchen und um die notwendige chemische Analyse des noch nicht abgefüllten Öles weiterzuführen, das in der Firma noch zu finden war.

Im Mai 2012 hat der Pm Inspektionen und Durchsuchungen sowohl der Büros und des gesamten elektronischen Vertriebs der Firma Valpesana S.p.a., als auch der privaten Wohnsitze des Inhabers Francesco Fusi, des Verwaltungsleiters, des Chemikers, der Angestellten und des Mitarbeiters, der für das Filtern des Öles zuständig ist, angeordnet.

Während der Inspektionen wurden Stichproben genommen und Verwaltungsdokumentationen, Hefte und elektronische Register beschlagnahmt. Auf Anordnung des GIP („Untersuchungsrichter“) in Siena Ugo Bellinié wurden (und sind auch noch) insgesamt sogar 7.722,22 Tonnen Olivenöl unter Beschlag als “corpus delicti“ gehalten. Davon sind 4.323,934 Tonnen Öl mit Ölen niedrigerer Kategorie (native und Lampantöl) und qualitativ schlechter “nach Art“ so verschnitten, dass ein gutes Preis/Leistungs-Verhältnis zu erreichen gewesen wäre. Die restlichen 3.850,12 Tonnen des beschlaggenahmten Öles (als 100% italienisch bezeichnet) war hingegen aus der Vermischung von Ölen spanischer und griechischer Herkunft erzeugt und an die Abfüller für einen Preis verkauft worden, der auf dem Markt normalerweise nur für 100% italienische Öle zu bezahlen ist.

Für die Untersuchung des elektronischen Apparats der Firma waren Experten der Polizei in Siena zuständig. In der Folge wurden noch Durchsuchungen bei vier großen und bekannten Abfüllern angeordnet, die tatsächlich vier der wichtigsten Kunden der Valpesana gewesen waren. Weitere 450 Tonnen Olivenöl wurden während dieser Operation in Beschlag genommen. Das Öl der Valpesana wurde vom Markt zurückgezogen und in der Einstufung an die Gegebenheiten angepasst.

Seit dem 11. Mai 2012 wurde gegen den Inhaber der Firma, Francesco Fusi, nach Anordnung des GIP des Gerichtes in Siena, ein Sicherheitshaftbefehl erlassen und er befindet sich heute im Hausarrest.

Am 25. Mai wurden noch fünf weitere Urteile gefällt. Drei weitere Mitarbeiter stehen jetzt ebenfalls unter Hausarrest und zwei wurden von der Polizei zum Verhör eingeladen. Die fünf wurden wegen Manipulation von Beweismaterial angeklagt, da sie vor der Durchsuchung der Polizei große Mengen raffinierten Öles in mehrere Tanks umgelagert hatten. Unter Hausarrest sitzen jetzt der Verwaltungsleiter Paolo Vannoni, 58, der Chemiker der Firma Davide Passerin, 41, und der Sachbearbeiter im Verkauf Stefano De Gregorio, 46. Der Zuständige für das Filtern des Öles, A. P., 45, und eine Angestellte in der  Verwaltungsabteilung, S.I., 42, blieben frei, müssen sich jedoch alle 3 Wochen bei der Polizei melden.

Die Anklage und die vorgeworfenen Straftaten sind: Bildung einer kriminellen Vereinigung, Betrug mit dem erschwerenden Umstand, dass es sich um Lebensmittel handelt und die  ununterbrochene Vermarktung gefälschten Öles seit 2010. Hinzu kommen fehlerhafte und betrügerische Buchhaltung, Verletzung des Gesetzes und der EU-Verordnung und Verfahrensbetrug. Außerdem ist die Firma wegen strafrechtlicher Vergehen in der Buchhaltung, Bildung einer kriminellen Vereinigung und Betrug auch als juristische Person angeklagt.

Der betrügerische Mechanismus der Fälschung ist nicht nur eine kommerzielle Täuschung, die  wenige große Firmen begünstigt, sondern auch eine Täuschung des Verbrauchers, der irregeführt wird und ein Öl kauft, das konkurrenzfähig und günstig ist aber das eine Falschdeklaration auf seinem Etikett hat.

Das Verfahren gegen die Firma ist noch längst nicht abgeschlossen, sondern mit der Zusammenarbeit mehrerer polizeilicher Organisationen werden weitere italienische und ausländische Firmen untersucht. Ziel ist es, sich ein komplettes Bild des betrügerischen Handelns der Firma (auch vom finanziellen Blickwinkel aus betrachtet) zu machen.

Auf jeden Fall bestätigt der Pm, dass noch viele weitere Firmen und große nationale und internationale Konzerne in Verdacht vergleichbaren Handelns stehen.