arteFakt ganz neu und anders?

Mit seinem Auftrag an die Bremer Werkstättler hat Conrad einen sehr ungewöhnlichen Weg beschritten, um die Herausforderung anzugehen, die in einem notwendigen und absehbaren Generationswechsel bei einem Unternehmen liegt: Die ‚junge Generation’ sollte eine Zukunft der Unternehmung ganz frei, ohne Vorgaben der Gründergeneration entwerfen.

Als jemand, der nach Alter und Sozialisation selbst zu dieser Gründergeneration gehört, frage ich mich: Kann man das ungewöhnliche Unternehmen arteFakt ‚ganz neu’ erfinden und zugleich weiterführen, ohne seinen Kern, die konzeptionellen Triebkräfte, auf denen es beruht, mitzunehmen und weiterzuentwickeln?

Conrad hat in den ‚Auskünften’ mehrfach dargelegt, worin diese konzeptionellen Triebkräfte liegen, aus denen auch die Kraft entsteht, im Unternehmen immer wieder Neues und Unkonventionelles zu wagen: Es war und ist der Wunsch, die hart erarbeitete Kritik an einem Marktgeschehen, das vom abstrakten, unsozialen und Kultur zerstörenden Prinzip der bloßen Kapitalverwertung antrieben wird, in die Praxis einer Unternehmertätigkeit zu ‚übersetzen’, die den Warentausch auf dem Markt als eine lebendige Beziehung zwischen Menschen begreift. Wenn man das Verkaufen von Produkten – Erzeugerseite – und das Kaufen von Waren – Verbraucherseite – auch als einen ‚Wärmetausch’ versteht, als ein Geschehen, für das Transparenz, Vertrauen, lebendiger Austausch unerlässlich sind, dann wird man das Erzeugen von Olivenölen und den Handel mit ihnen anders organisieren als in einem Olivenöl-Handelskonzern und in einer Supermarktkette. Deshalb heißt der Untertitel von arteFakt ‚Handelsagentur für Erzeuger-Verbraucher-Ideen’.

Die Energie, das Unternehmen arteFakt aufzubauen und seine Praxis immer wieder zu überprüfen und zu verändern, wird also aus drei Quellen gespeist: einem Widerspruch zu den ‚entfesselten’ Kräften des Marktes, auf dem Lebensmittel bloß profitable ‚Gegenstände’ sind; dem Antrieb und Anspruch, die theoriegesättigte Kritik im eigenen Unternehmertum praktisch werden zu lassen und sie damit der Nagelprobe einer Bewährung auf den Markt auszusetzen; und aus dem sozialen und kulturellen ‚Gewinn’, der aus direkten, lebendigen Beziehungen zu Erzeugern und Verbrauchern entsteht. Die Arbeit für hohe und höchste Qualität des Lebensmittels, für faire, ehrliche Preise auf Erzeuger- wie Verbraucherseite, auch für die kulturelle Dimension in Produktion wie Konsum – bis hin zur ‚Kultur des Genießens’! –, ergibt sich aus solchen Antriebskräften fast von selbst. Dies wirklich werden zu lassen, bedeutet freilich harte Arbeit.

Der Gründergeneration sind weder die Fähigkeit zu Kritik und Widerspruch noch der Mut, die Kritik mit eigener Unternehmung praktisch werden zu lassen, einfach zugefallen. Viele von denen, die heute über ‚die 68er’ sprechen (und oft gar nicht genau wissen, wen sie damit meinen), können sich nicht vorstellen, was es hieß, die Fähigkeit zum Widerspruch zu ‚erkämpfen’ und dann auch zu wagen, es praktisch ‚anders zu machen’.

Für die ‚junge Generation’ ist das Geschichte. Dass es vielerlei Unternehmungen auf dem Markt gibt, die gegen die Trends der (scheinbar) billigen Massenproduktion auf hohe Qualität, fairen Handel und Transparenz in Produktion und Vertrieb setzen, ist für sie selbstverständlich. Zwangsläufig ‚denken sie anders’ als die Gründer, wenn sie sich vor der Aufgabe sehen, ein Unternehmen wie arteFakt auf die Bedürfnisse, die Aufmerksamkeit, die Einstellungen ihrer Alterskohorte auszurichten. Vielleicht sind ihnen Kommunikation und Darstellung wichtiger als der persönliche Einsatz in der Kleinarbeit für die Verbesserung des Produkts und für den kreativen Widerstand gegen die Machenschaften der Panscher, Manipulateure und Trickser.

Wir von der Gründergeneration müssen akzeptieren, dass die Jungen unsere ‚Errungenschaften’ sozusagen abhaken und als gegeben nehmen. Dass sie ihre Aufmerksamkeit auf anderes am Marktgeschehen richten, als wir es getan haben. Was es heißen kann, diesen Generationenunterschied  zu akzeptieren, hat Conrad mit der Projektwerkstatt vorgemacht.

Aber wenn man den jungen Leuten in einer ‚Findungsphase’ so ziemlich freie Hand dafür lässt, ihre eigenen Vorstellungen von einem arteFakt-Angebot für die 25- bis 35-Jährigen zu entwickeln, dann kommt bald der Punkt, an dem sie begreifen, dass es nicht nur um ein Warenangebot, um ein ‚Unternehmensprofil’, um eine Kommunikationsstrategie für eine Olivenölkampagne geht. Das Konzept für arteFakt hat sich aus dem letztlich gesellschaftspolitischen Impuls entwickelt, das Wechselspiel von Angebot (Produkt) und Nachfrage (Bedürfnis) anders zu begreifen und zu organisieren, als es die beherrschenden Regeln auf dem ‚großen Markt’ heute vorgeben. Wenn ‚die Jungen’ in die Aufgabe einwilligen, die in dem grundlegenden Konzept von arteFakt enthaltenen Antriebskräfte in eine ihrer Generation gemäße Form zu ‚übersetzen’, dann werden sie nicht bei ihren Vorstellungen von der Vermarktung und dem Konsum eines hochwertigen Olivenöls ansetzen können. Es ‚anders zu machen’ als die Gründergeneration, zu der auch ich gehöre, wird nicht zuletzt heißen, die eigenen Auffassungen von einem lebenswerten Warentausch zu klären,  von der Rolle einer ‚Handelsagentur’ zwischen Erzeugern und Verbrauchern, die in einem Verhältnis von wechselseitiger Anerkennung und Vertrauen stehen – Anerkennung des Bedürfnisses nach ‚zuträglichem Genuss’ eines ausgezeichneten Produkts einerseits und Anerkennung der ‚ehrlichen’ Leistung beim Erzeugen des Produkt andererseits; Vertrauen in die nachvollziehbare Qualität des Erzeugnisses einerseits und Vertrauen in die Bereitschaft, dafür einen angemessenen Preis zu zahlen, andererseits. Ein solches wechselseitiges Verhältnis von Anerkennung und Vertrauen mögen ‚die jungen Leute’ im Einzelnen anders gestalten und organisieren, als wir Älteren es getan haben. Ohne  einen praktisch werdenden Widerspruch zu vorherrschenden Kräften auf dem ‚großen Markt’ wird es sich nicht machen lassen – in dieser Einsicht treffen wir uns beim Kern von arteFakt.

Prof. Dr. Ludwig Fischer, Benkel
(in leicht gekürtzter Fassung veröffentlicht in den arteFakt-Herbstauskünften 2012)

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