Ein Reisebericht von Klaus Haase – Dezember 2008

Italien erschmecken

1. Tag, 9-12-2008 Konstanz – Zürich – Como

Zürich, genauer: Dübenhausen heißt der Ort, an dem ich mich mit Conrad treffen will. Von Konstanz, wo ich seit wenigen Monaten wohne, ist es nur eine Stunde mit der Bahn.

In Zürich steige ich in die S-Bahn um, nach dem ich mir eine Fahrkarte am Automaten gezogen habe. Kaum sitze ich in der Bahn, habe soeben mein Gepäck verstaut, nähert sich mir ein junger Kontrolleur und verlangt die Fahrkarte. Ich gebe sie ihm, er schaut sie an und erklärt, sie sei ungültig, da ich in der 1. Klasse sitze und sie ausschließlich Gültigkeit für die 2. Klasse habe. Ich schaue auf die gegenüberliegende Wand, da steht tatsächlich: 1. Klasse.

„Entschuldigung“, sage ich zum Kontrolleur, „ich wußte nicht, dass die S-Bahn in der Schweiz zwei Klassen hat, ich habe nicht darauf geachtet, in welches Abteil ich gehe.“

„Ihre Karte ist ungültig“, sagt er.

„Ich hab nicht darauf geachtet, in welcher Klasse ich sitze, wenn Sie wollen, gehe ich zehn Meter weiter und setze mich in die 2. Klasse, bin ja eben erst eingestiegen“.

„Das geht nicht“, antwortet er.

„Wie meinen Sie, das geht nicht“, frage ich.

„Es ist, als hätten Sie keine Karte gelöst“, sagt der Kontrolleur.

„Entschuldigen Sie, scheint Ihnen die Situation nicht absurd“, frage ich. „Ich kenn mich hier nicht aus, löse eine Karte, nehme die S-Bahn und setze mich irrtümlich in die erste Klasse. Ich zahl auch die Differenz oder setze mich dort drüben in die Zweite“.

„Das geht nicht. Ich muß einen Bericht schreiben. Wie weit fahren Sie?

„Nach Dübenhausen“, sage ich und spüre, wie ich wütend werde. Um mich zu beruhigen, stell ich mir vor, ich befände mich in einer Szene eines Theaterstückes, in dem die schweizerische Genauigkeit persifliert wird. Oder ich denke an Franz Kafkas Romane.

„Finden Sie das nicht absurd, was Sie hier anstellen?“

„Es gibt Vorschriften. Es geht hier nicht um mich. Ich muß die Vorschriften ausführen.“

Ich werde als Schwarzfahrer notiert und bekomme die Empfehlung, am nächsten Tag eine gewisse Telefonnummer anzurufen, um meine spezielle Lage zu schildern. Anderenfalls erhielte ich bald Post und müsse meine Strafe bezahlen.

Wieviel das ungefähr sei, frage ich interessiert.

Um die sechzig Euro umgerechnet, antwortet er.

„Das ist doch verrückt, oder“, sage ich, doch er antwortet nicht mehr, ist eine Sitzreihe weiter gegangen.

Dübenhausen, ich muß aussteigen. Der Bahnhof ist klein, Conrad steht auf der anderen Seite der Gleise und winkt. Wir laden mein Gepäck in seinen Volvo, ich kann mich vor lauter Ärger noch nicht über unser Treffen freuen und erzähl ihm die Geschichte.

Wir haben noch drei Stunden Tageslicht und beschließen, die Route über den Gotthard zu nehmen. Alles historische Namen, die am Vierwaldstätter See vorbeiziehen: Altdorf, Küssnacht, die Tellsplatte…

In Como ist es bereits dunkel, wir wollen eine Fabrik aufsuchen, die Nudelmaschinen produziert, mit einem Herrn Federico hatte ich einige Male am Telefon gesprochen, er spricht auch passabel deutsch. Vom Wetter zeigt sich Conrad sehr enttäuscht: „Bella Italia hab ich mir doch anders vorgestellt“, meint er augenzwinkernd, denn es regnet wie aus Kübeln. „ Warte ab, sind wir einmal in der Toskana, wird uns die Sonne vom Himmel lachen“, sage ich.

Gut, dass wir den Volvo haben, sein helles Licht leuchtet breit die Straße aus.

Alle Straßen sind verstopft, wir stehen Schlange und es ist gerade halb sechs. „In der Regel sind in Italien die Straßen mittags und abends gegen sieben voll, sage ich, vielleicht, weil Weihnachten vor der Tür steht“. Ich steige einige Male aus und frage, Lurate Caccivio heißt das Örtchen, wir finden es, obwohl die Straßenbeschilderung eher für Einheimische gemacht zu sein scheint.

Herr Federico empfängt uns, macht aber um sechs Feierabend. Morgen früh um neun? Va bene.

„In der Nähe des Einkaufscenters waren doch einige Hotels, lass uns da hinfahren“, schlägt Conrad vor. Wir haben den Eindruck, die gesamte Landschaft in Richtung Varese sei in shopping areas umgewandelt worden. „Dort drüben“, wir sind in Montano Lucino, „sind zwei Hotels“. Montano Lucino, ein verwunschenes Dörfchen am Fuße der lombardischen Alpen, spotten wir, denn auch das Hotel Cruise, in dem wir übernachten wollen, ist von Einkaufsgalerien umstellt.

2. Tag, 10-12-008 Montano Lucino – Vinci

Ich wache auf, Conrad läßt mich gnädigerweise bis sieben schlafen, und schaue aus dem Fenster. Schnee! Und wie viel! Und es schneit immer noch, richtige Weihnachtsflocken. Der Hotelpförtner schabt den Parkplatz frei, unser Auto ist kaum erkennbar.

„Hier könnte gut ein Film gedreht werden, denke ich, als ich zum Frühstückssaal gehe, fünfzig Meter lange, schmale Gänge, Tür an Tür, ein roter Läufer, der den Weg weist. „Shining mit Jack Nicholson oder so was ähnliches.

„Guten Morgen, Conrad“ „Morgen, Klaus“. Conrad hat sich schon sein Frühstück zusammengestellt.

„Und, hast du gesehen?“„ Ich habe Winterreifen drauf, sagt er, „damit kommen wir gut voran“.

„Hast du deinen Schlafanzug dabei? frage ich ihn. “Selbstverständlich“, antwortet er, „war aber zu warm heute Nacht, es wird noch Gelegenheit geben.“

Lurate Caccivio, Herr Federico ist schon da. Conrad braucht Informationen über die A 120 Nudelmaschine, Zubehör, Schablonen, er bekommt Fotokopien mit auf den Weg, eine Stunde später sind wir wieder on the road .“Mailänder Ring und dann nach zirka zehn Kilometern rechts ab nach Genua“, sage ich. „Vielleicht lassen die Mailänder bei diesem Wetter das Auto zuhause und nehmen die Bahn und den Zug“, vermute ich, doch einige Minuten später stehen wir im Stau. Sicht: gerade mal hundert Meter, alles ist weiß. „Es sieht aus wie im Schwarzwald, sagt Conrad, alles ist mit einer weißen Haube überzogen“. Null Grad, „wenn wir in Genua sind, scheint die Sonne“, sage ich.

Wir nehmen die Mussoliniautobahn, die jener in den dreißigern anlegen ließ und die sehr kurvig den Apennin überquert. „Immer noch Null“, sagt Conrad, aber viel weniger Schnee, als wir bei Bolzaneto vorbeikommen, wo Zweitausendeins in einer Polizeikaserne während des G8-Gipfels in Genua Hunderte von Demonstranten von Ordnungskräften misshandelt wurden.

Wir schauen auf Genua hinab, lassen es rechts liegen und nehmen die Autobahn nach La Spezia; die Temperatur ist gestiegen, die Nachmittagssonne taucht hin und wieder auf, der Schnee ist verschwunden und wir sehen die ersten Palmen. „Das ist das Land, wo die Zitronen blühn“, frohlockt Conrad. „Wurde auch Zeit“, sage ich.

„Wie heißt der Ort, zu dem wir müssen?“

„Wart mal, in der Nähe von Recco. Bei Recco müssen wir raus und dann ein bißchen in die Berge. Avegno. Sind ungefähr zehn Kilometer von der Autobahn“.

Wir finden nach einigem Suchen die Fabrik, die Abfüllanlagen herstellt. Das elektrische Gittertor öffnet sich und wir werden von einer jungen Abruzzeserin durch die Abteilungen geleitet. Sie erklärt uns verschiedene Größen und Typen von Anlagen und Conrad entscheidet sich für eine kleinere Ausführung.

Wir eilen weiter, an La Spezia vorbei, nach Sarzana sind wir in der Toskana; die Marmorberge zur Linken lassen sich nicht blicken, sie bleiben wetterverhangen. Auf der anderen Seite, auf der Versiliaküste sehen wir die Sonne im Meer versinken, bevor uns die Marmorlager bei Carrara und Massa beeindrucken.

Eine vielfältige Landschaft, die alles hat: das Meer, Berge von zweitausend Meter Höhe, eine grüne Flora und ein mildes Klima. Zur Natur stößt die Kultur unter anderem in Form von Architektur, die vor allem Renaissancearchitektur ist; unser Geheimrat J.W.Goethe ließ sich auf seiner Italienreise noch nicht davon beeindrucken, ihn zog es nach Rom, in Florenz weilte er nur drei Stunden. Erst im neunzehnten Jahrhundert begann dann der Renaissanceboom.

„Wir müssen jetzt Richtung Florenz, an Lucca vorbei bis Montecatini, dann in Richtung Vinci, du weißt schon: Leonardo“, sage ich, „eine Stunde noch, höchstens eineinhalb“.

„Gut, dann fahren wir erst ins Hotel, das Andreas für uns gebucht hat, und dann sofort nach Lamporecchio, da bleibt noch ein bißchen Zeit bis zum Abendessen, sagt Conrad.

Wir kommen nach Vinci, bereits am Ortseingang steht unser Hotel zur Rechten, Monna Lisa. “Wahrscheinlich mußten sie aus Copyrightgründen ein n hinzufügen oder sie haben die ältere Form des Namens gewählt“, sage ich.

Zwanzig Minuten später kommen wir bei Andreas März und seiner Frau Eva an; der Weg ist uns seit diesem August bekannt, als wir zum ersten Mal dort waren. Herzlicher Empfang, wir bleiben bis halb neun; im Hotel rät uns die Signora, zum Abendessen zu Pippo zu gehen, dort gebe es lokale Köstlichkeiten. Wir sind am Ende doch enttäuscht; vielleicht hätten wir einen dieser kolossalen Fleischberge bestellen sollen, die unseren Tischnachbarn serviert wurden und bei deren Anblick sich automatisch die Frage auf den Lippen bildet:“ Wer soll denn das alles essen?“

3. Tag, 11-12-2008 Vinci – Spello

Am Morgen wecken dich nicht die Strahlen der aufgehenden Sonne; doch es ist nicht kalt. Den gesamten Vormittag verbringen wir im Märzschen Landhaus, später tun wir einen Blick in den frantoio, noch später gesellt sich auch Bernd mit seiner Frau hinzu, ein kölscher Maler, der wie Andreas seit einem Vierteljahrhundert in Lamporecchio lebt. Als es bereits dämmert, brechen wir auf.

„Nun kann unser viaggio in Italia richtig beginnen, sagt Conrad, ich habe jetzt viele Adressen aus verschiedenen Regionen, du hast deine aus den Abruzzen. Italien erschmecken, heißt unser Motto!“ Wir kehren auf die Autobahn zurück, fahren an Florenz vorbei und steuern Perugia und die Region Umbrien an. Es ist dunkel, der Lago di Trasimeno liegt zu unserer Rechten, ich erzähle von der Hannibalschen Kriegslist, die Römer glauben zu lassen, man treffe die Punier erst in Perugia; zwanzigtausend Römer sollen beim Passieren des Sees von den Afrikanern hineingetrieben und ertrunken sein.

Wir verfahren uns auf der superstrada, sehen den Hinweis Ravenna vor uns aufleuchten.“ Deine Heimat“, sagt Conrad. „Nun übertreib mal nicht, sagen wir Exheimat oder Exil“, antworte ich. Wir biegen ab, um hintenrum wieder nach Assisi zu kommen. Vor der Stadt sehen wir camere Linda. „Halt mal, Conrad, was sich so nennt, kann nicht schlecht sein, rufe ich voller Vaterstolz, denn auch meine zehnjährige nennt sich Linda.

„Hatten die Betten noch nicht gemacht, sah aber auch nicht so toll aus“, berichte ich zum Wagen zurückkehrend, „fahren wir weiter“. Bei Spello biegen wir ab und finden ein albergo nicht weit vom mittelalterlichen Stadttor entfernt. „Um halb acht unten?“, schlägt Conrad vor , ich nicke.

Ich bin früher in der bar, trinke einen aperitivo und unterhalte mich mit dem Wirt. „Ein typisches Zeichen für Umbrien, ein Siegel oder so was ähnliches? Dunque, das Land, die Regione hat die Tre ceri di Gubbio. „Richtig“, sage ich, „ist das nicht eine Prozession?

„Ja“, sagt er, „da stürmen jeden 15.Mai mindestens zwanzig Burschen mit drei tonnenschweren, hölzernen , fast zehn Meter hohen Kerzen den Stadthügel hoch. Und Sant’ Ubaldo gewinnt immer, vor Sant’ Antonio und San Giorgio. Alle anderen in der Gegend sagen: die spinnen“.

„Kann man den Sant’ Ubaldo nicht überholen?“

“Nein, nein, das geht nicht.“

Wir wandern das alte Städtchen hinauf und finden eine kleine Osteria-Trattoria mit Pilz und Trüffelgerichten. „Ein primo reicht mir“, sage ich, auch Conrad verzichtet auf den secondo.“ Ich nehme die strangozzi alla tartufata, wie sehen die aus?“ fragt er die Kellnerin, die unsere Bestellung aufnimmt. Nun, das seien kleine Nudeln wie die maccheroncini oder pennette rigate, antwortet sie. Ich bestelle zwei Portionen. Zum Abschluss probieren wir einen umbrischen Limoncello, der ganz passabel schmeckt.

4. Tag, 12-12-2008 Spello – Silvi

Ich schaue aus dem Fenster, geballte dunkle Wolken bedecken den Himmel , es tröpfelt. Brutto tempo , schlechtes Wetter in ganz Italien, hatte ich in der Zeitung gelesen, der Tiber ist in Rom über seine Ufer getreten. Während des Frühstücks studieren wir die Landkarten. „Heute sind wir in Foligno in der Ebene und Arrone in den Bergen“, sage ich. „Arrone, das ist bei Terni in Südumbrien, hier, kuck mal.. Danach geht es über die Abruzzenberge Richtung Pescara zur Adria.“

“Gut, fahren wir los“, sagt Conrad.

In Foligno, wo Friedrich der Staufer seine Kleinkindzeit verbrachte, sind wir angenehm überrascht, Metelli macht eine Früh- und Spätlese. Spoleto grüßt uns farbenarm; vor Arrone, das uns in die Hügel zwingt, passieren wir Montefranco und denken an unsere Apulier. Den Satz Schade, dass das Wetter so trüb ist, man sieht ja nix, könnten wir, wäre er nicht so langweilig, alle drei bis fünf Minuten ausstoßen. Bartolini ist gut ausgestattet, der Chef ist nicht da, es gibt zwei große Verkaufsflächen, wir nehmen Proben mit.

„Essen wir etwas?“ „Ja, aber laß uns nicht all zu viel Zeit dabei verlieren, du weißt, um fünf ist es dunkel.“ Wir halten bei Pippo Scappa; im Sommer hat man dort gewiss eine prächtige Sicht auf den Piedilucosee, heute hingegen eilen die Gäste in sein ristorante, sich gegen Wind und Regen schützend. Wir essen wieder pasta mit Trüffelsoße, eine Stunde später sitzen wir im Volvo.

Umbrien verliert seine fast-toskanische Lieblichkeit; immer wilder werden Flüsse, Berge und Landschaft.

„So, wir sind in Abruzzo“, sage ich, als wir über Rieti und Antrodoco nach L`Acquila kommen, das auf einer breiten Hochebene liegt, hier müsste die Autobahn sein.“ Ich fahre seit einiger Zeit und nenne Conrad, der die Karte studiert, die Ortsnamen, an denen wir vorbeikommen. Er findet keinen einzigen, bis er feststellt, dass wir in die falsche Richtung fahren, statt nach Nordosten beschreiben wir einen riesigen Bogen nach Süden und nach Südosten. „Egal, jetzt bleiben wir drauf und kommen eben in Pescara raus; kein Gran Sasso, bei diesem Wetter sieht man ohnehin nichts.“ „Hast du gesehen, Conrad, Tagliacozzo, das war der Schlachtenort, an dem der fünfzehnjährige Konradin auf Karl von Anjou stieß, gefangengenommen und wenig später in Neapel geköpft wurde; damit war die Stauferherrschaft am Ende.“

Wir verlassen die Autobahn bei Chieti, es ist dunkel, wir fragen uns forschend durch die Stadt, finden die Ölmühle La Quercia nicht, da es den Corso della Repubblica nicht hier, sondern in Pescara gebe. Wir verzichten und fahren in das Vorgebirge. „Gehen wir noch nach Pianella und besuchen die de Juliis, schlägt Conrad vor.

Drei Schwestern, die in die Fußstapfen des Vaters getreten sind, führen die Mühle; die Zeit verstreicht mit Besichtigung und Gesprächen, wir brechen auf und besuchen die Firma Rustichella d’Abruzzo, zu spät. „Eventuell morgen, sagt Conrad, wie war dein Eindruck von den Schwestern?“ „Auch unabhängig vom Öl, sehr sympathisch, selbstbewußt und familiär“, antworte ich. „Den gleichen Eindruck hatte ich auch, nur fachlich müssen sie noch was tun.“

Silvi ist ein kleines Städtchen am Meer im Norden von Pescara, bis wir jedoch am Wasser ankommen, passieren wir kilometerlang enorme LasVegas-ähnliche Einkaufstempel. „Das soll Silvi sein, ein kleiner, romantischer, verträumter Badeort an der südlichen Adria?“ spotten wir wieder.

„Sie können eine Suite haben“, offeriert man uns in einem Albergo nahe dem Strand. Zwei Räume, aber nur ein gemeinsames Badezimmer. Als ich den Preis höre, sage ich sofort zu. „Rekord, fünfzig Euro zusammen“, sage ich zu Conrad. Wir essen Fisch im hoteleigenen Restaurant und sind schnell im Bett.

5. Tag, 13-12-2008 Silvi – Canosa

Gestern abend habe ich meinen fast legendären hellblauen Schlafanzug angezogen , jenen, der uns im letzten Jahr in Bitonto bei Franco Cuonzo vor dem Erfrieren rettete, da wieder einmal feuchtkalte Luftströme unterwegs waren.

“Morgen, Conrad!“

„Morgen, Klaus! Hast du gestern den Schlafanzug ausgepackt?“

„Ja, sicher, du auch?“

„Na klar.“

Um neun sind wir in Città S.Angelo. Das Wetter ist großartig, die uns umgebende Landschaft auch. Sehr pittoresk liegt das Städtchen vor uns, an einen Hügel geschmiegt. Wir fragen uns zu einer Ölmühle durch, niemand da. Conrad findet weiter hinten Verpackungen von Antipasti, die aus dem Supermarkt kommen. “Das mischen die wahrscheinlich zum Öl“, sagt er.

Wir suchen jetzt Natale Presutti, wir sollen die nächste Strasse rechts abfahren, dann einige Kilometer in Serpentinen hinunter und dort, wo ein kleiner See ist, befindet sich das Haus von Presutti. Schon oben im Supermarkt, als wir Obst gekauft haben, hörte ich von einem dottor Presutti. Wir folgen der Beschreibung und fahren bis in die Ebene, Olivenbäume gibt es einige.

„Frag den doch mal“, sagt Conrad und deutet auf einen Landmann, der in den tiefen Wiesen steht.

„Presutti ist ein dottore“, erzähle ich, zurückkommend. „Genauer: ein HNO, Hals-Nasen-Ohrenarzt, italienisch: ottorinolaringoiatra. Kein Müller.“

„Gut, fahren wir zurück…wer ist der nächste?

„Wart mal, in Loreto Aprutino gibts ein Biofrantoio, ist nicht weit…“

Eine zypressenbestandene Allee erstreckt sich vor unseren Augen, dahinter versteckt liegen mehrere Häuser. Eine signora empfängt uns, wir schlendern wartend über das Gelände des agriturismo, während sie ihren Mann mit dem cellulare anruft und von unserem Kommen unterrichtet.

Herr Mario steht wenig später vor uns; er ist dabei, mit modernster Technik eine neue Mühle zu bauen, einzig die Verbindungsschläuche fallen Conrad sofort auf; diplomatisch wartet er die abschließenden Gespräche unseres Besuchs ab, um darauf hinzuweisen. „Sie müssen die Schläuche der Weichmacherproblematik wegen austauschen, lieber Herr Mario“, sagt er, „die ihrigen sind für alle Lebensmittel, aber nicht für den Olivensaft“. Das erste Mal, dass der neue Terminus zum Thema wird. Herr Mario ist völlig damit einverstanden, ihn zu benutzen. „Auch ihr Vergleich mit dem Winzer ist sehr treffend“, meint er, „dahin müssen wir unsere Anstrengungen richten.“

Wir haben Hunger auf einen primo und finden wenig später eine pasteria, wo nicht nur frische pasta verkauft, sondern in einem Nebenraum, wo einige Tische stehen, auch frisch serviert wird. Gnocchi in Nudelform gibt heute, verrät uns das Tagesmenu, wir greifen zu.

Auf Pianella mit der Rosticcheria d’Abruzzo verzichten wir, fahren stattdessen auf dem halbkreisförmigen Strassenring um Pescara nach Süden, denn heute abend wollen wir in Minervino sein, Vetrautes und Freunde wiedersehen. In Ortona, südlich von Pescara, dort, wohin man die Gebeine des heiligen Thomas translatiert hat und ihm zu Ehren zweimal im Jahr eine Prozession veranstaltet, biegen wir ab.

Das schöne lateinische Wort Translation, Überführung, kommt überall dort zum Zuge, wo illegal und mit Gewalt geraubt und entwendet worden ist. Das gilt für fast alle Reliquien, nicht nur für Markus in Venedig, Nikolaus in Bari, sondern auch für die Heiligen Drei Könige in Köln, die unser guter alter Barbarossa aus Mailand mitnahm.

Wir erfahren, dass die Mühle in Villa Caldari sei; wir finden sie in den Hügeln, eine moderne Anlage, agriturismo mit beautyfarm.

„Nix für uns, fahren wir weiter nach Lanciano“, sagt Conrad. Es geht immer höher hinauf in eine Hügellandschaft, die nicht mehr die Anmut und Heiterkeit der nördlichen Abruzzen hat; hier gibt es kleine und mittlere Industrie, die jede Ebene besetzt, auch sind die Städte größer.

In Lanciano gehe ich in eine bar und frage nach der Cinquina srl. Oh, das sei ziemlich kompliziert, meint einer der Männer, die an der Silbertheke der bar lehnen, „wenn du fünf Minuten wartest, bis ich mein Eis aufgegessen habe, fahre ich vor und zeige euch den Weg.“

„O.k., Conrad, komm rein, rufe ich auf die Strasse, “wir trinken einen caffè, willst du einen macchiato?“

Das liege in der Val di Sangro, sei ein ziemlich großer Betrieb, meint unser Freund. „Hab ich mir gedacht, sage ich zu Conrad, „wegen dem srl, italienisch für GmbH“.

Wir sind einige Zeit unterwegs, lassen das Auto vor uns nicht aus den Augen, verlassen die Hügel und fahren hinunter in die Ebene. Industrieanlagen kompakt, soweit das Auge reicht, wir werfen einen Blick auf die Cinquinafabrik, dann hallt der Ruf: Auf nach Apulien!“

„Habe ich heute morgen in den Internetnachrichten gelesen: „Zitat: Nasdaq, eine große Lüge kostet 50 Milliarden“, sagt Conrad, während er uns mit hoher Geschwindigkeit der apulischen Grenze näher bringt. Wir sprechen über die Krise. “Andreas kann und will das Wort ja nicht mehr hören“, sage ich. Es ist viertel vor vier.

„Da ist schon der Gargàno“, ruft Conrad, „in einer Stunde sind wir im Corte di Opaka, du wirst sehen“. Die Petersdom-ähnliche Kuppel der Kathedrale von Cerignola, das der Welt nicht nur seine La Bella – Oliven beschert, fliegt rechts vorbei; den Monte Vulture kann man nicht sehen, dafür aber Minervino, das bereits seine ersten Lichter gezündet hat. Cosimo von der Corte hat keinen Platz, erfahre ich am Telefon, er will Enrico vom CanusiumHotel in Canosa anrufen.

Es ist schön, Enrico wiederzusehen; wir sind einige Male bei ihm gewesen, wenn drüben kein Platz mehr war.

Mit Cosimo wollen wir einiges anläßlich der ZEIT-Reise im nächsten Herbst besprechen. “Hättet ihr eher angerufen“, empfängt er uns lächelnd, nachdem wir mit Blick auf die prächtige Fassade der Residenz die mit roten Teppichen ausgelegten Stufen der enormen Terrasse emporgestiegen sind, eine Aktion, die dich jedes Mal vergessen lässt, dass du nicht blaublütig bist.

„Heute abend kommt eine Frauenfußballmannschaft aus deiner früheren Heimat, aus Cervia“, sagt er zu mir, „die haben alle Zimmer belegt.“ „Ist doch schön“, sagt Conrad. Wir besprechen Einzelheiten der Reise, es solle ein Kochkurs im Hotel stattfinden, es muß ein auch pädagogisch fähiger Koch gefunden werden, der seine Gäste auch mal machen lässt.

Antonio, in zwanzig Minuten sind wir in Minervino, sehen wir uns in piazza, auf dem Platz?“ Das Auto lassen wir wie immer weiter oben stehen, zum Ortskern hinunter schlendend treffen wir bereits einige bekannte Gesichter, Ludovico, den Platzwart, Annamaria, die Tochter Antonios. „Ich weiß schon, er warte auf euch vor der bar, ruft sie und geht weiter.

Auch unser Alemanne, Nicola, hat heute abend Dienst, als wir mit Antonio, den wir im gewohnten Winteroutfit vor der bar treffen, den langen Gastraum betreten. „Alles klar?“ schallt es auf deutsch von jenseits der Theke. „Ja danke, wir können nicht klagen und selbst?“

“Ich fahr in ein paar Wochen nach Karlsruhe, wegen Arbeit und um ein paar Freunde zu besuchen“, antwortet er karlsruherisch. Vier Gläser Prosecco warten darauf, angestoßen zu werden. „Andiamo da Nicola“, sagt Antonio. Der Antico Palazzo, unser Lieblingsrestaurant in Minervino ist geöffnet, wir sehen Licht.

Nicola, die buon`anima, die gute Seele des in einem Palast des Achtzehnten Jahrhunderts untergebrachten und mit zahlreichen zeitgenössischen Bildern geschmückten Restaurants hat siebzehn Jahre in Seligenstadt bei Frankfurt verbracht, wo er auch den Koch Nicola kennengelernt hat, der nun seit zehn Jahren mit seiner Frau in der Küche steht und nicht nur grossartige Antipasti daherzaubert.

Irgendwann kommt immer auch der große Augenblick, in dem Nicola vor unserem Tisch steht, den Prosecco oder spumante öffnet, einschänkt und eine kurze Rede hält, in der er auf den Moment, auf den Augenblick hinweist, der uns zu dieser Stunde, an diesem Tag, an diesem Ort zusammengeführt hat und den es heißt, zusammen zu erleben.

Auch Vittorio ist da; Eisenbahner ist er gewesen und er hat Italien bereist, unverheiratet ist er geblieben. Jeden Mittag geht er zu seiner ebenso betagten Schwester zum pranzo, am Abend zu Nicola. Jeden Montag, wenn der Antico Palazzo Ruhetag hat, geht er in das Labirinto, fünfzig Meter weiter. Für die Länge seines Weges zum Restaurant käme er ins Guinness-Buch der Rekorde, würde er sich anmelden: fünf Meter, er wohnt auf der anderen Seite des Sträßchens.

Ich rufe Franco Cuonzo an, „wir kommen morgen früh zu euch, va bene?“ “Va bene e a domani, salutami Conrad, bis morgen, grüß mir Conrad“, antwortet er.

6. Tag, 14-12-2008 Canosa

Auf vertrauter Straße sind wir früh in Palombaio. Herzliche Begrüßung mit Franco. Letizia, ihr Mann Michele und die kleine achtzehnmonatige Marzia sind da, auch Teresa, die älteste der drei Töchter mit ihrem Freund Luca, Angela wohnt seit über zwei Jahren in Troia nahe Foggia, vor acht Jahrhunderten Residenz des Königreichs Sizilien unter Friedrich.

Conrad möchte die Gespräche mit Letizia und Michele fortführen; Franco ist sehr beschäftigt mit den Bauern, die ihre Oliven zur Mühle bringen, wir finden ein Stündchen zum Gespräch. Conrad sähe es gern, baute Letizia eine eigene kleine grüne Olivensaftlinie mit Decanterverfahren auf, wir spüren jedoch, wie stark die Ideen Francos in ihr stecken und wie traditionell und wenig flexibel sie reagiert. Es ist Mittagszeit, die Töchter bereiten das Essen vor, wir sitzen bei Tisch bis in den Nachmittag. Franco wird zum zweiten Mal Opa, kriegen wir heraus, Angela wird zu Ostern entbinden.

„Wir müssen nach Andria, scusateci, entschuldigt,“ sage ich, wenig später sitzen wir im Auto.

„Sie hat sogar geglaubt, sage ich, ihren Vater verteidigen zu müssen, sie hat leider nichts verstanden. Sie versteht dich nicht und auch das Konzept nicht. Leider.“

„Ja, und sie versteht auch nicht, dass ich all das für Franco tue und nicht gegen ihn“, antwortet Conrad. Bis vor Andria bleiben wir beim Thema, dann rufe ich Vincenzo, einen produttore an, einen Bioölproduzenten, den ich vor fast zwei Jahren auf einer Olivenölmesse in Bari kennenlernte, auf die mich Conrad geschickt hatte, weil er selbst keine Zeit hatte. Ich wußte, dass er und sein großer Sohn Giuseppe Agrarökonomen sind, die sehr avanguardistisch arbeiten, also empfahl ich sie Conrad.

Am Domplatz treffen wir uns; in der Andreser Kathedrale liegen zwei Kaiserinnen begraben, Isabella aus Syrien und die Engländerin Isabella, die zweite und dritte Ehefrau Friedrichs. Ohnehin war Andria immer Lieblingsstadt des staufischen Kaisers; sie bekam eine Trifore im ersten Stock des Castel del Monte, der Stadt zugewandt. Sie fiel nie von ihm ab, ging nie zu den Päpstlichen, blieb ihm immer treu; nicht wie Bari oder vor allem Bitonto, dessen Bürgern, folgt man den Spottversen des Staufers, die Eselsohren nicht schlecht stehen.

Vincenzo winkt aus seinem Auto, er leitet uns in ein anderes städtisches Viertel, wir steigen aus und gehen in das Büro der Azienda Agricola Torrente Locone, nach einem Fluß benannt, der auf dem Gebiet der Cannaeschlacht nahe beim Ofantofluß in die Adria fließt, hat er genug Wasser. Wir treffen Giuseppe im Studio, er zeigt uns per Video die Jahresarbeit auf den Hainen, das schneiden, düngen, ernten. Es ist bereits nach sieben, als wir uns aus der Stadt leiten lassen. „Wieder mal Gespräche auf fachlicher Augenhöhe“, sagt Conrad, „das hat man so häufig nicht. Was steht jetzt an?“ „Antonio, der presidente, Trainer und Platzwart bei Nicola, da müssen wir uns aber beeilen.“

Nur Antonio treffen wir im Antico Palazzo. Der presidente könne erst morgen abend, sagt er.

„Gut“, antwortet Conrad, „müssen wir drauf verzichten, können wir über email machen. Kommst du morgen früh auch zu Michele?“

„Nein, wir können uns später hier oben an der bar treffen und frühstücken.“

Natürlich weiß ich schon von Conrads Plan, morgen früh um sechs bei Micheles Cooperative DeDeo zu sein, um seinen Erntetrupp zur Diga Locone, einer Talsperre, zirka fünfzehn Kilometer von Minervino nah an der Grenze zur Basilikata, zu begleiten.

Wir sind alle recht müde, auch Vittorio geht früh und so sind wir um elf bei Enrico in Canosa.

7. Tag, 15-12-2008 Canosa

Klaus, aufstehen!“ Eine bereits wache Stimme weckt mich. Punkt fünf, dunkel draußen. Enrico sitzt dort, wo wir ihn gestern abend zuletzt sahen, an der Rezeption. „Du auch schon hier, warst du überhaupt im Bett?“ Er verneint. “Cappuccino?“ Wenn die Maschine schon warm ist, gern.“

Um eine Minute vor sechs fahren wir auf das Gelände der Cooperative. „Uns Deutschen soll man nicht Unpünktlichkeit vorwerfen können“, meint Conrad scherzhaft. Es nieselt und die Arbeiter stehen frierend herum. Michele mit seiner schwarzen DeDeo-Mütze finden wir auf dem Hof .“Wir warten noch bis sieben“ sagt er, „dann entscheiden wir, ob wir ernten fahren.“ Es wird allmählich hell, Minervino leuchtet geheimnisvoll oberhalb.

Es regnet nicht mehr, wir fahren mit drei Autos nach Westen, Michele kommt mit der Rüttelmaschine nach.

„Hast du gesehen, der Michele reißt mit der Maschine ne Menge Baumrinde ab, gar nicht gut für den Baum“, sagt Conrad, während wir zusehen, wie die Netze verlegt werden, die ersten Oliven hineinfallen und Michele mit dem scuotatore, der dem Trecker aufgesetzt ist, die Bäume mit zwei Greifarmen umfasst und blitzschnell schüttelt.

Es ist ungemütlich; mir tun die jungen Erntehelfer leid. “Meinem Sohn Federico würde ich wieder sagen: tu was in der Schule, sonst…“, sage ich zu Conrad. “Das hab ich Jakob auch schon oft gesagt“, meint er,“ ist gewiss ein hartes Brot“, „und nur Saisonarbeit. Gehn wir.“

Minervino, wir trinken mit Antonio einen cappuccino, dann fahren wir nach Andria, wo uns Giuseppe noch Proben mitgeben soll. Ein kurzes Gespräch am Domplatz, schon sind wir auf der superstrada nach Bitonto, wo wir zuerst die professoressa Antonella Fierli und dann Franco de Vanna treffen wollen, in dessen Haus wir zum pranzo eingeladen sind.

Franco erwartet uns an der Höheren Handelsschule, dem Istituto Tecnico Commerciale, ITC, mit der wir seit Jahren in einem lebhaften kulturellen Austausch stehen. Antonella finden wir nach einiger Zeit in einem der oberen Klassenräume. Im Lehrerzimmer besprechen wir ein Projekt, das fortgesetzt werden soll: Schüler sollen nach Absolvierung verschiedener Deutschsprachkurse ein Berufspraktikum in Berlin machen. Sprachkurs wird jetzt Pflicht, nachdem zwei Praktika in den vergangenen Jahren beinahe an fehlenden Sprachkenntnissen gescheitert wären. Auch Antonella wird in Zukunft besser mit deutschem Lehrmaterial versorgt.

Franco ist seit Mai in Pension und führt jetzt ein freies Leben, wie er sagt. Zweiunddreißig Jahre stand er im Dienste der polizia municipale, die keine eigentliche Polizei ist, sondern städtischer Außendienst wie in Deutschland die politessen.

Er hätte auch seine Zeit am Schreibtisch absitzen können, dann jedoch hätte die Welt einiges verpasst: sehr elegant in seiner dunkelblauen Uniform hält er den Verkehr im Zentrum Bitontos an, um ausländischen Fußgängergruppen das ungestörte Überqueren der Strasse zu ermöglichen; in Bibliotheken, Bäckereien, Fischgeschäften, Traubenständen, Kappuzinerklostern, Sälen der Gemeinde Bitonto, privaten Wohnungen, Fahrschulen, Bildungsstätten ist er zuhause; vielmehr: er schlüpft geschickt in die Haut der Gastgeber und wird erste Ansprechperson.

„Trinken wir einen aperitivo?“ „Gern“, es ist noch Zeit. Um drei müssen wir wieder bei Franco Cuonzo sein, um einen älteren Streit mit einer Bitontiner Verpackungsfirma zu beenden.

Wir fahren in den vierten Stock, Nicoletta, Francos Frau öffnet uns. Bruder Gino und dessen Gattin Nicoletta, sind schon da. Es ist Montag Mittag, aber was auf dem Tisch und auf Nebentischen steht, würde für ein Osterfest reichen.

„Trefft ihr euch hier immer am Montagmittag zum Festessen?“ frage ich, als ich zum vierten Mal außergewöhnliche Leckereien ablehnen muß.

Nach dem obligatorischen limoncello plus caffè eilen wir frohgemut nach Palombaio. Cicciomessere ist noch nicht da, wir spielen mit der kleinen Marzia, bis er eintrifft. Conrad erzielt ein gutes Ergebnis: die Firma wird auch im nächsten Jahr die BiB-Kartons (besser) produzieren. Wir setzen unser Gespräch mit Letizia und Michele fort, es wird tendenziell offener. Das Abendessen nehmen wir bei Franco ein und ziehen uns müde in sein Gästehaus zurück.

„Ab morgen essen wir nichts mehr, nur noch Obst,“ sind Conrads letzte Worte. “Voll deiner Meinung“, pflichte ich bei, „ buona notte.“

8. Tag, 16-12-2008 Canosa – Corigliano Calabrese

Buon giorno, signori“, die Wirtin unserer Stammbar in Palombaio begrüßt uns. Cosimo Martinelli bringt uns wenig später mit seiner dreirädrigen ape die bestellten taralli, wir fahren noch einmal bei Cicciomessere vorbei, um Muster da zu lassen, damit die Kartonstärke verabredet ist.

„So, alles erledigt, ab in den Süden!“ ruft Conrad und lenkt das Auto in Richtung Bari. Ich sage „Dort gibts die Autobahnauffahrt, nahe beim S.Nicola Stadion, du weißt, dem von Renzo Piano. Es geht dann nach Taranto, Metaponto Richtung Sibari und Crotone, Landschaften der Magna Grecia, Großgriechenlands.“ Wir kommen gut voran, wenige Autos, die wir passieren.

„Ich hab gestern gelesen, die Zahnärzte werden jetzt in Krisenzeiten angehalten, ihre Gebühren zu senken“, sage ich. „Die Autobahn könnte man auch schließen, die Leute benutzen ohnehin nur die kostenlose superstrada.“

„Machen wir eine kurze Rast, ich muß mal tanken“, sagt Conrad und lenkt den Volvo nach rechts zum Autogrill. „Lange keine Zeitung mehr gelesen,“ denke ich mir und kaufe mir die Gazzetta del Mezzogiorno und schaue auf die Titelseite. „Hörma Conrad“, sage ich auf gut westfälisch, „du kennst doch auch den Bruder von Nicola, das ist der, der in Dresden eine Pizzeria hat. Du hast doch auch dessen CD von Nicola bekommen.“

„Ja, und?“

Ich hab doch immer gesagt, der singt noch schlimmer als Al Bano. Apropos: hier auf der ersten Seite, Al Bano kommt aus Brindisi, deshalb, also Al Bano in Moskau, Freund Putins, fünfunddreißigtausend Karten verkauft. Man hat zum Konzert den, ich zitiere: ‚mythischen‘ Schlagzeuger von Pink Floyd aus den USA eingeflogen. Ist das nicht schrecklich?“

Weiter geht es, wir sind jetzt in Kalabrien der Monte Pollino erhebt sich zur Rechten, das Wetter ist nicht so schlecht. Wir nehmen die Schnellstrasse und folgen immer dem Hinweis Reggio C. Bald liegt Cosenza vor uns, nur noch zwanzig Kilometer. „Wir müssen rechts abfahren, Richtung Montalto Uffugo, seltsamer Name, dann nach Vaccarizzo,“sage ich. Am Zielort frage ich zwei ältere Herren nach dem frantoio Librandi.

Das gebe es hier nicht, hier gebe es überhaupt keine Mühle. „Ist das nicht Vaccarizzo Albanese? Nein, das hier heiße auch so, aber Albanese sei vierzig Kilometer weiter, auf der anderen Seite des Flusses Crati . “Ach du Schreck, vielen Dank“, stammele ich.

„Tut mir leid, Conrad, da hab ich mich verguckt, wir müssen zurück und auf der anderen Flussseite die Berge hoch.“ „Nich schlimm, so haben wir schon mal hier die kalabrischen Berge kennengelernt“, antwortet er. „Fahren wir doch auf der Schnellstraße um das Gebirge herum, es ist gleich dunkel“, sage ich. „Egal“, sagt er, „komm, wir fahren durch die Berge“.

„So, erst mal heißt unser Ziel: Acri, an Luzzi vorbei“, sage ich, die Karte vor mir. Die Straßen werden immer enger und steiler, es ist fast dunkel. „Jetzt nach San Demetrio Corone, am Cozzo S.Angelo vorbei, den sähen wir links, neunhundertvier Meter.“ Ich frage zweimal, kaum ein Mensch ist auf der Straße, es beginnt zu nieseln. „Das nächste müßte San Cosmo Albanese sein, danach kommt Vaccarizzo Albanese“, sage ich und knipse das Leselämpchen aus.

„Da sind wir“, sagt Conrad, “vierhundertachtundvierzig Meter hoch, frag mal da drüben im Laden.“

Das kleine Geschäft gehört zu Librandi, erfahre ich, die Mühle sei weiter unten, am Kreuz nach links, das gelbe Haus. Wir finden sofort und stellen den Volvo ab. Alles dunkel, das gelbe Haus ist verschlossen.

Ein alter Mann: „Die Librandi wohnen dort drüben, neben der Mühle, wartet, ich zeig es euch.“ Er führt uns bis vor den Toreingang und bleibt wartend stehen.

Ich klingele, eine ältere Frauenstimme fragt aus dem Citophon: Chi è? Wer ist da? Ich sage, dass wir zwei Deutsche sind, die in Sachen Olivenöl unterwegs seien. Die Frau zögert, es ist wieder still. „Vielleicht hat sie Angst“, sagt der alte Mann, der noch auf der Strasse steht. Dann höre ich eine junge Frauenstimme und erzähle unter anderem, dass uns Andreas März ihre Adresse gegeben habe. Es surrt, wir treten ein.

Eine junge Frau mit pechschwarzen Haaren empfängt uns in der Tür des ersten Stockwerks und bittet uns in die Wohnung, es ist Carmela, die im Betrieb für den Verkauf zuständig ist. Wir lernen nacheinander auch die beiden anderen Schwestern der Familie Librandi, Angela und die jüngste, Lucia, kennen, die, nachdem sie in der Toskana studiert haben, in die Fußstapfen des Vaters Pasquale getreten sind und die Mühle wie auch über fünfzig Hektar Land, davon vier Fünftel Olivenhaine, bewirtschaften. Wir lernen auch Aldo kennen, den Bürgermeister des Ortes, der uns einlädt, am morgigen Vormittag das Dorf und die Umgebung zu zeigen. Gern willigen wir ein, lassen uns den Weg zu einem Hotel in Corigliano Calabrese, zwölf Kilometer entfernt, beschreiben und machen uns auf den Weg in die Ebene.

„Wir sind ganz nah bei Sibari, dem antiken Sibaris, das seines Luxus und seiner Reichtümer wegen von den Crotonesen zerstört wurde. Sybarisieren, sagt Seume in seinem Spaziergang nach Syrakus, im Sinne von: gut essen gehen.“

Wir finden den Gallo d’oro auf Anhieb oder durch Zufall, lernen beim wenig sybaritischen Abendessen im Hotel unseren albanischen Kellner näher kennen und sind früh im Bett.

9. Tag, 17-12-2008 Corigliano – Catania

Neun Uhr, wir haben die Serpentinen nach Vaccarizzo Albanese erklettert. Das Wetter ist bedeutend schlechter als gestern, ein dunstiger Schleier liegt über der Landschaft, das Meer ist nur zu ahnen. Aldo erwartet uns, wir steigen in sein Auto.

Er erzählt: „Es gibt hier neunzehn albanische Gemeinden, die sich vor zirka fünfhundert Jahren gegründet haben, nachdem die Türken Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts Istanbul erobert haben und viele albanische Familien ins Ausland flüchteten. Wir haben hier einen griechisch-orthodoxen Ritus, erkennen aber den Papst an und einmal im Jahr gibt es bei uns ein großes Treffen, zu dem alle albanischen Gemeinden eingeladen werden, aus Molise, Abruzzo, Sizilien. Man spricht auch das Arberesh, das alte Albanisch überall, in den Geschäften, in der bar. Stellt euch Dante Alighieri vor, auch ihn, zweihundert Jahre früher noch, könnte man heute trotzdem verstehen.“

Er zeigt uns sein Rathaus, das Museum und schenkt uns ein Buch über die Geschichte der albanischen Gemeinden in Kalabrien, das sein Vater, ein medico, verfaßt hat. Wir fahren zu einem Oliveto, auf dem secolari-Bäume stehen, die mindestens drei bis fünfhundert Jahre alt sind. „Ich fahre gern hier hinaus, allein oder mit meinem Sohn, die Natur ist wunderschön und ganz weit hinten kann man das Ionische Meer sehen“, sagt er und macht eine Pause, „wenn das Wetter es zulässt“.

In San Cosmo gibt es eine Wallfahrtsstätte für Cosma und Damiano, die Ärztezwillinge aus dem dritten Jahrhundert. „Die Kirche hat hier eine Klosteranlage, hierhin könntet auch ihr mit einer Reisegruppe kommen“, sagt Aldo.„Es gibt Naturführer hier, die Kräuterwanderungen anbieten, der Monte Pollino ist nah und auch das Silagebirge, außerdem das Meer zum Baden“, fährt er fort. Die Idee gefällt uns.

Die Librandischwestern erwarten uns in der Mühle, die auf dem neuesten technischen Stand ist und komplett computergesteuert ist. Conrad macht ihnen Komplimente und sagt, als wir uns verabschieden, dass wir heute in Kalabrien nach keinem anderen Öl mehr suchen werden, weil wir das richtige gefunden haben.

Wieder geht es die Serpentinen hinab; wir nehmen wieder die Schnellstrasse, die uns mit der Autobahn Salerno-Reggio Calabria verbindet, dann geht es schnell an Cosenza vorbei, an Lamezia, Vibo Valentia, Gioia Tauro nach Villa San Giovanni, einige Kilometer vor Reggio Calabria.

Sizilien sehen wir schon seit einiger Zeit zur Rechten, wir können Messina weiter hinten erkennen. „Hier lauerten Skylla und Charybdis, die beiden antiken Seeungeheuer, am Ort Scilla sind wir eben vorbeigefahren,“ sage ich.

Es gibt verschiedene Fährgesellschaften am Hafen von Villa S. Giovanni, wir landen bei der Staatsfähre. „Zehn vor sechs geht es rüber“, rufe ich Conrad zu, als ich von der biglietteria zurückkomme. Als wir auf die Fähre rollen, sehen wir, wie alt die Anlage ist; wie auf einer Achterbahn werden die Fahrzeug aufs Schiff geleitet, auch die Lastwagen.

Nach eineinhalb Stunden sind wir in Sizilien, haben das Sternenmeer Messina erreicht; dreieinhalb Kilometer haben wir zurückgelegt. „Wo ist unser nächster Ort?“, fragt Conrad, während wir die Autobahn oberhalb der Stadt erreichen. „Weiter im Süden bei Syrakus, bei Noto“, antworte ich nach einem Blick auf die Karte. „Dann fahren wir heut noch so weit es geht nach Süden“, sagt Conrad, „dann haben wir es morgen vor der Tür“. Es ist bald acht.

„Ist das Lava da oben am Ätna, kuck mal, sieht ganz so aus“, ich schau nach rechts oben, wo die Lichter enden und kleine gelbrote Farbströme zu sehen sind. „Das kann Lava sein“, meint Conrad nach schnellem Hinschauen, bevor er sich wieder der Strasse widmet.

„Wir fahren jetzt nach Catania rein, hier draußen finden wir nichts“, sagt er. Wir folgen den Hotelschildern, drehen, ich frage, wir durchkreuzen das Zentrum, stehen im Stau, kommen endlich ans Wasser und finden ein Jollyhotel. „Hier um die Ecke ist ein Fischrestaurant, hundertfünfzig Meter“, antwortet uns der Portier, nachdem wir unser Gepäck auf die Zimmer gebracht haben.

Ich habe noch ein besonderes Erlebnis: ich stehe mit dem Gepäck vor hunderteins, aus meiner Zimmertür tönt laut der Fernseher, ich glaube, mich in der Zimmernummer vertan zu haben, da sind doch Leute drin, ich öffne dann doch vorsichtig, die Musik und die Stimmen werden lauter, ich öffne langsam die Tür: niemand sitzt auf dem Bett. Ich verstehe, eine Geste: der Gast soll sich sofort wohl fühlen.

„Jetzt hab ich das Olivenöl im Hotel gelassen“, sagt Conrad. Wir setzen uns an das große Fenster im ristorante, wir sehen auf das nächtliche Meer. Eine Menge Kellner, viel zu viele, wie wir finden, Conrad schnuppert am Öl, probiert.

„Das ist lampant plus griechisches dazugekippt“, sagt er.

„Ich sag das mal einem der Ober“, sage ich, „da ist einer“. „Sie haben ein so schönes Restaurant und dann so ein schlechtes Öl. Sagen Sie das bitte in der Küche. Das ist so schade.“

Er trägt die Botschaft in die Küche, danach hören wir nichts mehr, keine Reaktion. „Soll ich mal nachhören?“ „Komm, lass es“, meint Conrad.

10. Tag, 18-12-2008 Catania – Licata

Ein prachtvoller Tag, der Himmel blau, die Sonne hoch am Himmel. „Lass uns mal überlegen, sagt Conrad beim Frühstück, „wohin müssen wir?“ „Wir haben vier bis fünf Adressen, erst in Noto, dann in den Bergen. Ließen wir Noto aus, könnten wir früher in die Berge fahren, hier, ab Floridia, vor Syrakus“, antworte ich. „Gut, lassen wir Noto aus, da wissen wir zudem nicht mal genau, ob das Bio ist“, meint Conrad. „Ich hab gestern abend noch die Bücher studiert“, sage ich,“ es gibt allein in Chiaramonte Gulfi fünf oder sechs Adressen im Feinschmecker“. „Ja, aber nicht alle Bio“, wirft Conrad ein. „Das stimmt“, räume ich ein.

„Es ist ein Dreieck in den Bergen, da werden wir ne Menge Zeit brauchen. Alles ein Bergmassiv: die Monti Iblei“. „Gut, dann lass uns fahren“.

„Wir sind bald in Palazzolo Acreide, da gibt es eine Maria di Pietro in der Macellostrasse fünfundzwanzig, sage ich. Wir gehen in eine bar bei der Tankstelle, ich frage, die signora weiß es nicht, fragt andere Gäste, wir konsultieren die Pagine Gialle, die Gelben Seiten, wir finden Frau di Pietro nicht. Ich kaufe einen Sizilienführer mit der Trinakria auf dem Titelblatt. „Das könnte auf dem sizilianischen Vorderetikett abgebildet werden“, sagt Conrad, „obwohl, hier hat sie Getreide, auf dem anderen Bild waren Ölzweige“.

Wir fahren weiter. „Wohin gehts jetzt?“ „Weiter hoch in die Berge, nach Buccheri, auf achthundert Meter Höhe“. “Und was ist da?“ „Terraliva“, sage ich,“ du weißt, die Geschichte mit dem Quereinsteiger, Ex-manager, wie heißt er, Tino Cavarra. Ist auch ein agriturismo. Wir suchen eine Weile, sehen den Ätna wieder vor uns, dann finden wir in der Contrada Sant’Andrea das geräumige Anwesen.

„Sie haben Glück, mich anzutreffen, heute ist Arbeitstag, in der Regel bin ich unterwegs“, empfängt uns Herr Cavarra. Er spricht über seinen Cherubino DOP und die Länder, in die er exportiert. Die Tonda Iblea ist in dieser Gegend, wo nicht viel blend erzeugt wird, die typische cultivar, wie Franco Cuonzo die Rebsorten nennt. Cavarra zeigt uns die Räume des agriturismo: sehr geschmackvoll eingerichtet, im Stile des Siebzehnten/Achtzehnten Jahrhunderts, alte Möbelstücke vor karger Steinwand, gewiss für größere Geldbörsen.

Es ist schon fast ein Uhr, der Himmel hat sich bedeckt, die Sonne ist verschwunden. Wir klettern das Sträßchen nach Buccheri wieder hinauf, fahren ein Stück zurück Richtung Palazzolo und biegen scharf nach rechts ab. Den Ätna sehen wir jetzt nicht mehr, er wird von der vorderen Bergkette der Iblei verdeckt.

Nun geht es über Giarratana nach Chiaramonte Gulfi, dem Feinschmecker nach das Eldorado guten Olivenöls. Es dauert über eine Stunde, bis wir dort sind. „Der frantoio Cutrera in der Contrada Piano dell’Acqua, wo ist das bitte?“ frage ich. Contrada, haben wir gelernt, heißt immer: außerhalb der Orte, oft in nahezu unzugänglichen Gegenden. Ich frage viele Menschen: Jugendliche, die uns voran schicken, da sollen wir nochmal fragen, einen Bauern, der uns wieder zurückschickt, eine junge Frau, die gegenüber anhält und auf meine Frage ruft: Seguitemi! Folgt mir! uns mit enormer Geschwindigkeit zu einer Gabelung bringt, da müssen wir rechts weiter. Kein frantoio, die Straße wird immer schmaler, die Landschaft immer karger, jetzt fehlt der Asphalt und wir hoppeln vorwärts.

“Das gibt nichts mehr hier, kehren wir um“, sage ich. „Nicht so schnell, wir probieren jetzt hier den Hügel runter“, Conrad macht einen noch sehr optimistischen Eindruck. Der Weg wird immer steiniger, dann geht es nicht mehr weiter und wir stehen vor Steingrund, Gras und Gebüschen. „Hätten ja mal ein Schild vorne aufstellen können, oder“, murmele ich.

„So, jetzt mal konzentriert: noch mal zur Biegung, wo uns die junge Frau verlassen hat und dann die Straße links weiter, das ist die einzige Chance“, sagt Conrad. Gesagt, getan, wir finden sogar unser Schild: Contrada Piano dell’Acqua, fast liegen wir uns in den Armen vor Freude “Geht doch“, sage ich.

Es beginnt zu regnen. Endlich ein kaum lesbares Schild: Frantoio Cutrera. Wir treffen Sohn Salvatore, der uns über den Familienbetrieb erzählt. “Wir schauen uns gleich die Mühle an, wenn die neue Oliven kommen“, sagt er und Conrad versteht sofort, dass er viel Sachverstand hat. „Im Feinschmecker steht was von einer Hightech-Mühle, schauen wir mal, sage ich. Tatsächlich, ein drei-Phasen-Verfahren mit einer Abfüllanlage, das hat wahrscheinlich selbst Conrad noch nicht gesehen. „Die ist erst seit einem Monat hier, bei jedem einzelnen Arbeitsschritt wird Sauerstoffzufuhr mit Stickstoff unterbunden“, sagt er stolz, und mit Blick zu Conrad: „Haben Sie so etwas schon einmal gesehen?“ „Nein“, sagt Conrad. Es gibt viele Parallelen in der Auffassung beider und nach einigen Stunden, es ist bereits dunkel, schütteln sie sich die Hände.

Es regnet, wir verlassen das Gebirge, sehen rechts Schilder nach Ragusa.“Wir fahren immer Richtung Vittoria, da war bestimmt der Duce am Werk bei der Namensgebung“, sage ich. „Danach großes Ziel: Gela, und dann: Licata, immer am Wasser entlang.“ Wir kommen gut vorwärts, rechts hängen die Berge noch dunkler, Conrad setzt den Scheibenwischer in Bewegung. Gela hat keine Umgehung, wir stehen im Stau. „Das war technische Avantgarde“, sagt Conrad, „und er war sehr sympathisch und locker und sieht die Dinge, wie ich sie sehe“. „Je weiter wir nach Süden kommen, desto mehr wächst der Sachverstand, könnte man fast sagen“, füge ich hinzu.

Viel Zeit verlieren wir in der Stadt, dann ist die Straße wieder frei. Der Regen peitscht gegen die Scheiben. „Es wäre besser, schnell unterzukommen“, sage ich, „vor allem für dich, ist ja wirklich kein Vergnügen mehr“. Rechts, wir sind bei Licata, sehen wir Bar Ristorante Albergo aufleuchten.

Es regnet in Strömen, als wir unser Gepäck in die Motel-artig angereihten Zimmer im Hof bringen, „ist ja wie bei Psycho hier“, rufe ich Conrad zu, der gerade nebenan die Nummer zwei bezieht. „Auf jeden Fall ist Schlafanzug heute Pflicht“, sagt er.

11. Tag, 19-12-2008 Licata – Marina di Selinunte

Erster Blick aus dem Fenster des schmucklos ausgestatteten Raumes: Sonnenstrahlen. Wir frühstücken in der bar, sprechen mit der jungen rumänischen barista hinter der Theke, die die Liebe nach Licata verschlagen hat. Eine andere junge Frau nähert sich uns; sie hat acht Jahre in Köln verbracht und spricht nahezu ohne Akzent. Die offizielle Lehrmeinung ist, wer vor der Pubertät in einen anderen Sprach- und Kulturkreis gerät, lernt akzentfrei; vielleicht war es bei ihr so.

„So, jetzt geht es nach San Giovanni Gemini“, sage ich, Conrad sitzt wieder am Steuer. Ein Ort, den wir lange nicht im Straßenverzeichnis fanden, denn Heiligennamen gibts dort seitenlang. „Mal sehen, ob wir wenigstens von fern la Valle die Templi, das Tal der Tempel bei Agrigento sehen können. Vor der Stadt biegen wir rechts ab Richtung Palermo, dann zwanzig Kilometer und westlich in die Berge“, sage ich. Dicke Wolken hängen am Himmel, doch es gibt viel auch viel Blau. Da tauchen die Tempel auf, hoch oben; wir stehen zum Glück im Stau, so dass wir die großgriechische Pracht in Ruhe bestaunen können.

„Da ist der Monte Cammarata, links, tausendfünfhundert Meter hoch, so heißt auch der Nachbarort San Giovannis“, sage ich. Wir stellen das Auto ab, finden eine bar und telefonieren. Es meldet sich nur eine Haushälterin, die der italienischen Sprache wenig mächtig ist und nicht weiß, wann die Herrschaften zurückkehren. An einem hübschen Platz im Zentrum finden wir eine agenzia turistica, wo Conrad die Fahrkarten für die Nachtfähre Palermo-Napoli erwerben kann.

„Ihr müsst in Richtung piscina, Schwimmhalle, dann rechts ab“, ist der Hinweis, der uns auf den richtigen Weg bringt. Am Ende des Weges, nur noch notdürftig gepflastert , breitet sich links ein großes Gebäude aus, das auf einer kleinen Ebene steht. Niemand da. Ich spreche wieder mit der Haushälterin, da nähert sich ein Mann: es ist einer der beiden Brüder Madonìa. Sein Bruder, ein früherer Pfarrer, der den Bund mit der Kirche mit dem zu einer Frau eingetauscht hat, wohnt nahe Agrigento, hören wir. Und er habe soeben Nachwuchs bekommen. „Wir gratulieren! Sagen Sie ihm viele Grüße, ich kenne ihn, wir haben uns öfter geschrieben“, sagt Conrad.

Wir werden durch die Mühle geführt, alles macht einen ordentlichen Eindruck, aber es will keine Atmosphäre im Gespräch aufkommen. Wir verabschieden uns bald, Herr Madonìa begleitet uns. “Haben Sie schon den großen dreieckigen Stein vor der Einfahrt gesehen“? Fragt er uns. „Wir haben ihn gefunden und aufgestellt, er hat die Form Siziliens.

Wir machen Fotos, Conrad am Stein zeigt, wo wir augenblicklich sind. “Viele Grüße an Ihren Bruder“, rufen wir und fahren davon.

„Ja, Conrad, auch heute ruft uns der Berg“, sage ich, wir werden streng nach Westen fahren, erst nach Santo Stefano Quisquina, über Burgio, Giuliana nach Sambuca. Dort gibts die deutschen Brüder. Fühlst du dich fit?“ „Na klar“, antwortet er.

Wir nähern uns den tausend Meter hohen Monti Sigani, springen von einem Kreis in den anderen und zurück, von der provincia di Agrigento in die provincia di Palermo. “Übrigens, nach Corleone sind es nur noch vierzig Kilometer“. Die Landschaft ist bezaubernd, weit und unendlich. In Bivona sehen wir bei der Ortseinfahrt ein Transparent, das die Straße überspannt: In questo paese l‘ acqua rimane pubblica. “Die meinen damit“, übersetze ich Conrad,“ dass das Trinkwasser Gemeingut bleibt in diesem Dorf und nicht in die Hände der Mafia gerät, die es privatisiert und an heißen Sommertagen für einen Haufen Geld an die durstige Bevölkerung verkauft.“

Nun wird die Straße wirklich klein und buckelig, am Nikolausberg kommen wir vorbei, richtig kleine Wälder erschließen sich uns. „Siehst du, wie vielfältig die Insel ist“, ruft Conrad.

Villafranca Sicula“, sage ich,“ der Name ist Hinweis auf das Volk der Sikuler, die zur großgriechischen Zeit hier lebten“. In Chiusa Sclàfani ein weiteres Transparent: il paese ha detto no al racket. „Ein weiteres Zeichen für den Kampf gegen mafiöse Strukturen“, sage ich, “racket sind die Schutzgelder, dieses Dorf sagt nein dazu“. Und so nah bei Corleone, vielleicht gerade deshalb, denke ich.

Giuliana klebt am Berg und hat ein imposantes Schloss, wir umkreisen es auf der Strasse nach Sambuca. „Die Firma Di Giovanna?“ frage ich. “Fahrt ins Zentrum, gegenüber der Kirche steht ein alter palazzo, da seid ihr richtig.“ Menschen strömen aus der Kirche, es ist eine Trauerfeier, wir sehen das Stadthaus und betreten den Lichthof. „Meine Güte, ist ja alles Di Giovanna hier“, rufe ich Conrad zu, “spielen wir mal Klingelmännchen, habt ihr das auch gemacht? „Na klar“, antwortet er.

Ich drücke auf die Klingel neben dem dottor Di Giovanna, die Tür öffnet sich und ein junger Mann schaut heraus. “Wir suchen die Familie di Giovanna“, sage ich,“ es soll zwei Brüder geben, die Gunther und Klaus heißen. Ich heiße auch Klaus, das ist Conrad“. „Ich bin Gunther, Klaus ist drüben in der Firma, ich habe heute Nachmittag frei und sitze am Computer. Wenn ihr wollt, fahren wir rüber zur Mühle, sagt er auf deutsch. Wir lachen. „Natürlich wollen wir“, sagt Conrad.

Es geht zurück in die Berge, Gunther erzählt, er hat einen recht markanten italienischen Akzent. „Unsere Eltern wohnen in der Nähe von Köln“, erklärt er, und verkaufen unsere Produkte. Wir machen Wein und auch Olivenöl, alles zertifiziert. Meine Mutter ist deutsch, mein Vater aus Sambuca, ich bin der ältere, Klaus ist drei Jahre jünger.“

Wir treffen Klaus, er kommt mit einem Arbeiter den Hügel hinauf. Er reist oft nach Deutschland, Gunther ist für die Vereinigten Staaten und Kanada zuständig. Wir gehen durch die Mühle, Conrad sitzt bald mit Klaus in einem küchenähnlichen Raum, Gunther und ich spazieren durch die Hallen. Es wird dunkel, wir unterhalten uns. Ich fotografiere ein Zertifikat, das an einer Wand hängt: Di Giovanna, Klaus, geboren in Corleone… “In Corleone, weil dort ein Krankenhaus ist, wo mein Onkel gearbeitet hat“, erklärt Gunther.

Ob er mit mafiösen Typen schon zu tun hatte? Ja, einige Male. Aber mit denen werde er gut fertig, das sei eine private Sache, da können man sagen: “So, jetzt verschwinde und lass dich nicht mehr sehen“. Die vom Staat kommen, die irgendwas kontrollieren, die sei aber genau so mafiös. „ Mit denen musst du jedoch vorsichtiger umgehen, sonst lassen sie es dich spüren“.

Wir schauen ins weite Land, zur Linken leuchtet Giuliana. Das ist ein Stauferschloss da oben, von Federico Secondo. „Was? Tatsächlich? Das wusste ich nicht“, antworte ich überrascht.

Wir kehren zurück, Conrad und Klaus sind ins Gespräch vertieft. „Wer ist denn deutscher von euch?“ frage ich Gunther. „Sicher Klaus,“ antwortet er,“ er spricht viel besser als ich. Er ist auch rationaler“. Gunther ist, wie ich finde, sehr italienisch, vor allem in Gestik und Mimik, Klaus scheint in allem unauffälliger.

„Hör mal, Conrad, es ist schon halb acht“, platze ich in ihr Gespräch, in dem es gerade um Enzyme geht. Wir lernen einen Freund der Brüder, einen französischen Önologen kennen. „Fahren wir nach Sambuca und trinken einen aperitivo, bevor ihr fahrt“, schlägt Gunther vor.

Wie alte Freunde verabschieden wir uns vor der bar und machen uns auf den Weg nach Castelvetrano, einzige Chance, ein Hotel zu finden. Wir sprechen begeistert über die Brüder. „Ich werde aber auch den Kontakt zu Cutrera, weißt du noch gestern, behalten für die nähere Zukunft“, sagt Conrad. Castelvetrano ist nicht klein, wir sehen jedoch nur ein riesiges Viersternehotel am unansehnlichen Ortseingang, sonst nichts.

„Fahren wir Richtung Selinunt, Richtung Meer, da finden wir sicher etwas“ schlage ich vor. “Außerdem steht dort eine der mächtigsten Tempelanlagen aus griechischer Zeit“, Conrad ist einverstanden. Marina di Selinunte heißt der Badeort, wir finden ein Hotel fast am Strand. Admeto heißt es; es soll an eine Tragödie des Thukydides erinnern, in der sich Alceste für Admeto opfert, das haben wir an der Rezeption erfahren.

12. Tag, 20-12-2008 Marina di Selinunte – Palermo Hafen

Ich stehe um sieben auf, der Himmel ist hell. Ich will vor dem Frühstück rüberwandern zum Archäologischen Feld. „Die öffnen erst um neun“, ruft mir jemand zu, als ich vor dem Eingangstor stehe, aber keinen Tempel sehe, weil die Ausgrabungsfelder höher liegen. “Vom Frühstückssaal im vierten Stock können sie den Tempel gut sehen“, heißt es an der Rezeption. Conrad ist schon oben und genießt die Aussicht.

„Wir müssen noch ein paar Sachen besprechen“, sagt er nach dem Frühstück. “Ich schlag vor, wir bleiben hier oben“. Wir entwerfen die Broschüre zum Reise nach Italien-Paket, Conrad schickt mir eine Mail nach Hause.

„Wir werden das Antimafiaprojekt in Castelvetrano nicht mehr besuchen“, sagt er, „ist schade, aber etwas besseres als die Brüder finden wir nicht mehr. So haben wir mehr Zeit für Palermo, dann kannst du dir endlich den Friedrich im Dom anschauen!“

“Prima“, sage ich, “endlich“.

„Heute abend sind wir schon auf der Fähre“, sagt Conrad, „morgen bist du in Konstanz, übermorgen bin auch ich zuhause. Welcher Tag ist denn heute?“

„Samstag. Samstag in Palermo“.

Der letzte Tag auf Sizilien, es ist schon elf, wir fahren nach Norden., die Landschaft fliegt an uns vorbei. “Schon Alcamo? Und links: Segesta, Calatafimi, wo Garibaldi seine erste Schlacht gegen die Bourbonen gewann“, rufe ich, „dann sind wir in zwei Stunden in Palermo“. Bei Partinico biegen wir ab, hohe Berge liegen vor uns. Die Seestadt an der Conca d’oro, der Goldmuschel, ist eingerahmt von tausend Meter hohen Bergen. Das Tal wird enger, Monreale muss gleich kommen. „Kuck mal, wo du abbiegen kannst, das Städtchen liegt hier links“, rufe ich. Eine Bergstadt, voller enger Gassen, in denen der Volvo zum ersten Mal Schwierigkeiten mit der eigenen Breite bekommt. „Wo ist denn der Domplatz, der muß doch hier sein“, frage ich, nach der nächsten engen Kurve können wir am Ende des Gässchens die Fassade sehen, die ich von Fotos kenne.

„Hier gibt es das größte Mosaik Italiens, noch vor Ravenna“, sage ich zu Conrad. Wir betreten den Dom.

„Das größte Wunder nicht nur für mich ist die Tatsache, dass die Normannen, die ja dänische und schwedische Wikinger sind, innerhalb von ein bis zwei Jahrhunderten eines der größten Kulturvölker der damals bekannten Welt wurden, trotz oder gerade wegen ihrer Vergangenheit. In ihre Kunst haben sich viele Stilrichtungen hinzugesellt: neben der eigenen die arabische und jüdische“, sage ich. Im Kreuzgang der Benediktiner nebenan überkommt uns beim Anblick der Säulen, Bögen und Verzierungen der Eindruck, in Syrien oder anderswo in der arabischen Welt zu sein.

An einer Aussichtsplattform werfen wir einen Blick auf Palermo. Conrad möchte noch Zitronen kaufen; als ihn ein Händler daran hindert, die Zitronen selbst auszusuchen, verzichtet er und wir gehen weiter. Zwei weitere Versuche schlagen fehl. “Warte, in Palermo findest du die richtigen“, sage ich.

Gute Zeit, halb zwei, die Straßen sind leer. „Da rechts, hast du gesehen, da halten wir mal an“, ruft er. Ein netter Verkäufer nimmt ein Messer, schneidet eine süße Zitrone in vier Teile, streut Salz über sie und gibt uns zu kosten. „Sehr gut“, Conrad nimmt eine ganze Tüte mit. Wir fahren zum Wasser, finden unseren Fährhafen und können das vollgestopfte Auto auf einem bewachten Parkplatz lassen. Heute abend sind es dann nur noch zweihundert Meter zu fahren.

„Ich hätte gern eine deutsche Zeitung“, sagt Conrad, „gehen wir erst zum Bahnhof. Dann können wir zum Normannenpalast gehen und zum Dom, wir haben ja gesehen, der ist auch im Zentrum“. „Einverstanden“. Wir gehen die Via Maqueda entlang zu den Quattro Canti und kommen zum Bahnhof. Es gibt die Süddeutsche dort, von gestern.

Wir marschieren weiter, kommen auch durch arme Viertel, deren enge Gassen in großem Kontrast stehen zu den Wunderbauten, die die Normannen der Stadt nach hundertjähriger Herrschaft hinterließen. “Schau mal, wie hoch der Park über der Altstadt liegt, das sind doch zwanzig Meter; über allem thront dann der Palast, in dem bis April eher zwielichtige Gestalten wie der Ex-Ministerpräsident Cuffaro ein- und ausgingen“. Wir umrunden den Palast und gehen zum Dom.

„Klaus, der große Augenblick kommt gleich, du wirst Friedrich sehen, bist du schon aufgeregt?“ „Es geht eigentlich“, antworte ich,“ nicht so sehr“.

Das Seitenschiff, wo die berühmten Porphyrsärge liegen, ist nicht einsehbar. Ich frage einen Küster: Wir wollen die Staufer- und Normannengräber sehen, wo sind sie?“

„Dort drüben, aber das geht leider nur bis zwölf; am Nachmittag nicht.“ „Das gibts doch nicht“, sage ich auf deutsch.

Und dann auf italienisch: wir kommen von weither, aus Deutschland, aus Bremen, das sind zweieinhalbtausend Kilometer, um Friedrich zu sehen und dann das.“

Er krümmt einen Finger: „Kommen Sie schnell, schauen Sie sich alles schnell an, ich dürfte Sie gar nicht hierhin lassen. Machen Sie!“ Wir schlüpfen hinter die Pappwände, ich hole den Fotoapparat heraus und fotografiere sie alle: Friedrich den Zweiten, seine erste normannische Frau Konstanze von Hauteville, den Vater Heinrich VI. und den zweiten Roger, Großvater Friedrichs, König von Sizilien.

Glück gehabt. Es ist fast dunkel. Wir gehen zurück und brauchen den Stadtplan nicht mehr, den ich an einem Kiosk gekauft habe, denn Palermo ist ein großes Schachbrett.

„Um sieben können wir auf die Fähre“, sagt Conrad. Wir gehen noch einmal in die Bar Bristol, sehr elegant, und warten, bis es Zeit wird. Um sieben steht das Auto in der Reihe mit vielen anderen, die auch an Bord wollen. „Das verstehe, wer will“, sagt Conrad. Schau dir das mal an: da machen die erst drei Reihen Fahrzeuge und am Ende wird es nur eine, bevor das Auto zum Schiff hochfährt. Ist doch klar, dass dann Chaos ausbricht“.

Oben sieht es aus wie in einem Hotel, wir holen die Zimmersteckkarten an der Rezeption ab, bringen das Gepäck auf das Zimmer und gehen in das Restaurant. Rechts hinten gibt es Selbstbedienung, wir essen rustikal. Als die Fähre ablegt, gehen wir an Deck und schauen auf das Lichtermeer, das sich weit und hoch in die Berge ausdehnt.

13. Tag, 21-12-2008 Palermo- Napoli- Konstanz

Ganz gute Nacht, das leichte, ständige Zittern und Vibrieren hält mich nicht vom Schlaf ab. Vor sechs wache ich auf, durch Stimmen, die durch die engen Korridore schwirren. Ich klopfe bei Conrad, er antwortet nicht, ist wahrscheinlich schon unterwegs. Ich trinke einen schlechten Cappuccino aus einem Plastikbecher, das macht nichts. Ich gehe an Deck: wir sind angekommen, die vagen Umrisse des Vesuv sind zu erkennen. Ich treffe Conrad: „hast du gefrühstückt?“

„Nee, mach ich später. Wir können unsere Sachen schon runter bringen.“

Alles geht zügig, um sieben sind wir wieder auf der Straße. „Wenn du willst, fahr ich mal“, schlage ich vor. Die Autobahn ist frei, um elf sind wir in Bologna, um eins, halb zwei in Mailand.

„Nehmen wir den Gotthard, das geht wahrscheinlich schneller als über den San Bernardino nach Chur, was meinst du? Ist halt dieser lange Tunnel von siebzehn Kilometern“.

In Zürich verlieren wir Zeit, weil wir durch die Stadt müssen, um fünf sind wir jedoch in Konstanz, Konschdanz, wie Conrad mir die ganze Zeit beizubringen versucht hat …

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