Markt und Klima: Der Wandel spitzt sich zu

Die Analyse einer Sachlage, eines Ereignisses, eines Prozesses erreicht ihre beste Qualität, wenn sie mit nüchternem Blick und ohne Emotionen erfolgt. Daraus gewonnene Erkenntnisse bleiben dann nicht nüchtern und frei von Emotionen. Eine andere Sache ist die Umsetzung der Erkenntnisse, sie hat etwas mit Menschen zu tun, mit Menschen, die man kennt, schätzt und gern hat.

Die Konzeption von arteFakt ist aus solch einer nüchternen Analyse heraus entstanden. Bereits vor zwölf Jahren war die Entwicklung für die Olivenanbauer erkennbar, die jetzt mit großer Geschwindigkeit eintritt. Nur der Zeitpunkt, zu dem sie sich durchsetzen würde, war noch unbestimmt.
Dass die Entwicklung derjenigen im Weinsektor – zwischen dem Zustand vor der Entstehung der EWG und dem nach der Gründung, mit der Subventionsgewährung für den Agrarsektor – entsprechen würde, hatte ich gesehen. Sie ist geprägt von einer Mengenausweitung und Technisierung, unabhängig von der Nachfrage, einhergehend mit Überproduktion, Qualitäts- und Preisverfall. Als anschauliches Beispiel weise ich gern auf die Entwicklung des früheren, traditionellen Weinanbaubetriebes der „Mosel Kellergeister“ zur heutigen Weinfabrik hin. Die Bezeichnung „Mosel“ musste aufgegeben werden, weil sich kaum noch Weintrauben aus dem Moselgebiet in dem angebotenen Wein finden.

Winzer haben es hinter sich, Olivenanbauern steht es noch bevor

Nach langen Jahren des „Bauernlegens“, wie bei den Landwirten das Höfesterben genannt wird, haben heute junge und modern als Önologen ausgebildete Winzer auch wieder Chancen als kleine Produzenten. Mit Qualität und Individualität ihrer Erzeugnisse (Terroir, autochthone Sorten und Lagenreinheit) erringen sie Marktanteile gegenüber den Weinfabriken zurück.
Winzer haben die lange Zeit des Niedergangs hinter sich, Olivenanbauer und Olivenölerzeuger rutschen gerade erst hinein. Die Dramatik besteht heute darin, dass sie nicht, wie viele Landwirte in den fünfziger und sechziger Jahren in Deutschland, auf Arbeitsplätze in anderen Sektoren ausweichen können – es gibt sie nicht. So verteidigen die Olivenanbauer bei ihren derzeitigen, z. T. radikalen Protesten, weniger die Subventionen als ihre Existenzmöglichkeit überhaupt, die sie schwinden sehen. Daraus erklärt sich die ohnmächtige Wut, die oft zu beobachten ist.

Recht zu haben, macht nicht nur Freude

Mit meinem Artikel „Quo vadis – Olivenöl?“ in den Auskünften des letzten Jahres hatte ich mich bereits ausführlich mit der Situation auseinander gesetzt. In diesem Winter hat die vorgezeichnete Entwicklung nun die Olivenanbauer und Ölerzeuger in allen Ländern mit voller Wucht getroffen. In manchen Regionen kamen noch außergewöhnliche Klimabedingungen hinzu, die Teile der Ernte vernichteten. Es macht freilich keine Freude zu sehen, dass sich das lange entwickelte arteFakt-Konzept nun erstmals richtig für unsere Partner ausgezahlt und bewährt hat und dass wir, voraus schauend, die Lage zutreffend erkannt hatten. Wir haben den Preisdruck am Markt nicht mitgemacht und den Erzeugern den fairen Preis der letzten Jahre bezahlt, von dem sie auch leben und ihre Familie ernähren können. Mit dem Konzept der Erzeuger-Verbraucher- Beziehung – im Prinzip einem Groß- handel für Endverbraucher – können wir weiterhin die Preise günstig und stabil halten.

Dramatischer Preisverfall für die Erzeuger

Die Preise für Oliven und für Olivenöl, die den Landwirten in diesem Winter von den Aufkäufern gezahlt werden, sind auf ca. 60% der Erzeugungskosten gesunken. Bei meinen Reisen war nicht zu übersehen, dass Haine nicht geerntet wurden. Die aus dem Verkauf der Oliven bzw. des Öls erzielten Preise, decken die Kosten nicht und die Entlohnung der Pflücker kann nicht mehr erwirtschaftet werden. Nur die ganz kleinen Erzeuger, die zur Ernte auf unbezahlte Familienmitglieder zurückgreifen können, halten den Preisdruck aus – und die bisher noch wenigen Produzenten, die auf großen Flächen in der Ebene mit Erntemaschinen arbeiten können.

Die Veränderungen lassen sich nicht aufhalten

In anderen Landwirtschaftssegmenten hat sich die Tendenz lange schon durchgesetzt und ist zur Normalität geworden: die Ablösung der kleinbäuerlichen Produktion durch eine eher der industriellen Logik folgenden Bewirtschaftung. Die Bio-Kost-Bewegung, oft flankiert von einer romantisierenden Attitüde, hatte dem Prozess für eine gewisse Zeit entgegen gewirkt, aber das neigt sich dem Ende zu. Jetzt erfasst die Dynamik des weiteren Preisverfalls Betriebe mittlerer Größe, die aus dem Erlös ihrer Arbeit einerseits die Fremdkosten (z. B. Löhne) nicht mehr voll bezahlen können und aus Eigenkapital- und Flächenmangel die Weiterentwicklung zum landwirtschaftlichen Industriebetrieb nicht schaffen. Wie im Einzelhandel verschwindet auch hier die Mitte, und das leistet einen weiteren Beitrag zur Ausdünnung der ökonomischen Mitte der Gesellschaft.

Andere Veränderungen braucht das Land

Die „nüchterne“ Analyse der Erfahrungen zeigt, dass jeder Trend auch einen Gegentrend erzeugt. Wenn man diese Dialektik veranschlagt, kann der Imperativ nur sein: klein, individuell, persönlich, modern, mit Nähe, Transparenz und Qualität. Ökonomisch betrachtet, wird „klein“ nicht mehr wie früher „allein“ bedeuten können. Eine notwendige ökonomische Wettbewerbsfähigkeit gegenüber dem anderen Pol, dem der industriell erzeugten, billigen Massenware, wird nicht durch die aufgezählten Merkmale allein zu erreichen sein. Andernfalls würden die Erzeugnisse schlicht zum Luxusgut werden. Es bedarf eines vertretbaren Preises „in der Mitte“. Das wird nur durch engere Kooperationen und den Zusammenschluss der „Kleinen“ möglich werden.
Mit arteFakt werden wir weiterhin Akteur und Förderer in diesem Prozess bleiben. Mit der Weiterbildungsveranstaltung für unsere Erzeugerpartner konnten wir bereits Anstöße dazu geben. In die gleiche Richtung weist der Beitrag von Dr. Dittmann, der stellvertretend für Gespräche steht, die Sie mit uns bei unseren Veranstaltungen oder in Briefen führen. Vielleicht ist es an der Zeit, einem solchen Austausch den organisatorischen Rahmen eines Forums zu geben. In den Herbst-Auskünften werde ich dazu Vorschläge entwickeln und freue mich über Beiträge und Anregungen.

Was ändert sich?

Der Olivenhain für eine eher industriell angelegte Landwirtschaft liegt nicht mehr in Höhenlagen und nicht an terrassierten Steilhängen. 1.500 Olivenbäume stehen dann auf einem Hektar, traditionell sind es 180 bis 250. Die neuen Bäume sind Hybridpflanzen einiger weniger, dann als „international“ bezeichneter Sorten, z. B. die katalanische Arbequina oder Leccino aus Süditalien. Die Bäume werden in kurzen Abständen und langen Reihen gepflanzt und auf 1,60 bis 1,80 Meter gestutzt, damit eine Ernte- und Schneidemaschine über sie hinweg fahren kann. Aus der Ferne sieht so ein „Olivenhain“ aus wie ein Weinberg oder eine moderne Apfelplantage.
Benötigen drei Pflücker in traditioneller Handarbeit ca. 20 Minuten zum Abernten eines Olivenbaums, schafft ein Traktorist den Hektar mit 1.500 Bäumen in einer halben Stunde. Der Traktor kostet mit peripherer Technik gut und gerne über eine Million Euro. Diese Eckdaten bestimmen den Wandel.

Die Qualität verändert sich, nicht nur negativ

Die Hybridpflanzen sind auf schnellen und großen Ertrag gezüchtete, flach wurzelnde Bäume, die sich nach ca. 15 Jahren erschöpft haben und ausgewechselt werden. Durch Zufuhr von Dünger und Nährlösung stellen sie keinen Anspruch an die Bodenqualität, wertloses Land wird dadurch günstig nutzbar. Wie unseren Supermarktäpfeln, die frisch knackig und saftig daher kommen, aber langweilig im Geschmack bleiben, so ergeht es auch diesen Oliven. Aromen entwickeln sich nur mit der Zeit und durch die Nährstoffaufnahme mineralischer Spuren aus der Tiefe. Düngung lässt Fruchtzellen groß werden und sie viel Wasser aufnehmen.
Die schnelle Maschinenernte mit zügigem Transport der Oliven in die Ölmühle und schneller Verarbeitung wird diese Olivenöle jedoch „sauberer“ werden lassen als die vergleichbaren heutigen Massenprodukte. Kleinbauern müssen ihre gepflückten Oliven tagelang in Säcken stehen lassen bis sie die Menge einer Charge zusammen haben, die in der Mühle verarbeitet werden kann. Die chemischen Laborwerte werden also besser sein und Native Olivenöle Extra werden weniger oft durch Manipulation entstehen. Die sensorische Kontrolle wird hierbei ebenfalls weniger ranzige und vergorene Öle entdecken. Der positive Geschmack muss nach der EU-Olivenöl-(Mindest)-Verordnung in den Prüfkategorien der Werteskalen zwischen Null und Zehn liegen. Dann ist mit 0,01 auch schon ein „positiver“ Geschmack bestätigt und die höchste Güteklasse leicht zu erreichen. Mit 2,79 Euro für die Dreiviertel-Liter-Flasche ist der Preis dann allerdings um ca. 1,50 Euro zu hoch.

• Nordspanien ist innerhalb der EU in der Umsetzung auf die neue Plantagenwirtschaft am weitesten vorange- schritten, und in Tunesien lösen diese neuen Haine im Landschaftsbild bereits die alten ab. Tunesisches „Füllöl“ für italienisches Olivenöl ist dadurch noch billiger geworden.

• Die Landesregierung von Apulien (dort werden über 50% des Olivenöls in Italien produziert) hat per Verordnung das Abholzen von Olivenhainen mit altem Baumbestand verboten. Das die Landschaft prägende Bild soll geschützt werden. Die wachsende Zahl von Olivenhainen, die zum Verkauf angeboten werden, zeigt, dass sich das Problem darüber nicht wird lösen lassen.

• Die griechische „Marfin“-Bank, Tochter eines Konsortiums aus Dubai, vergibt an griechische Bauern Gelder zur „Umrüstung“ oder Neuanlage der Olivenhaine im oben beschriebenen Standard. Die Rückzahlung erfolgt über die „Verpfändung“ zukünftiger Ernten.

Was Olivenöl kostet und was es kosten müsste

Im Einzelhandel müsste ein Viertelliter echtes Natives Olivenöl Extra den Preis einer guten Flasche Winzerwein haben. Die tatsächliche Lage im Winter 2009/10 stellt sich jedoch ganz anders dar. Wir zeigen das hier am Beispiel von Italien auf.
Die Ölmüller zahlten Mitte November, zum Beginn der Ernte, für 100 Kilogramm angelieferte Oliven 30,00 €. Im Durchschnitt werden daraus 15 Liter Olivenöl gewonnen. 10% davon erhält der Ölmüller als seinen Lohn, dem Landwirt blieben 1,80 € pro Liter. Noch im Winter 2008/09 erhielt er 40 bis 45 € für 100 Kilogramm Oliven.
Mit fortschreitender Erntezeit wanderte der Ankaufpreis der Oliven in Richtung 20,00 €. Manche befürchten, dass er noch darunter fallen wird. Lieferanfragen aus den USA bieten bereits nur noch 1,50 € pro Kilogramm Olivenöl. Im Jahresbericht für die italienische Olivenwirtschaft werden die reinen Produktionskosten der Olivenanbauer für 2009 mit durchschnittlich 7,73 € für ein Kilo Natives Olivenöl Extra angeführt.