Michalis Pantelouris lernt Olivenöl

Als Unternehmer hat man einige Freiheiten, die wertvollste davon ist, dass man viel selbst gestalten und entscheiden kann. Die unternehmerische Freiheit ist oft herausfordernd, sie kann auch gelegentlich zur Last werden, sie erzeugt aber keinen Leidenszustand, den man überwinden möchte, im Gegenteil. So haben Unternehmerinnen und Unternehmer z.B. die Freiheit, eigentlich nie in Rente gehen zu müssen. Es gibt keine Gründe dafür, das auf- und anregende arteFakt-Leben mit all den vielfältigen Beziehungen und der kulturellen Bereicherung zu beenden, nur weil man eine so genannte Altersgrenze erreicht hat. „Du kannst doch aber nicht immer so weiter machen“, wird mir manchmal entgegen gehalten. Ja, das stimmt wohl, und so ist es auch nicht gemeint. Es geht um Wandel – auch um den Wandel der persönlichen Arbeit im Unternehmen, nicht darum, einfach weiter zu machen, anzuhalten oder zu beenden. Wandel ist ja eine beständige unternehmerische Aufgabe, unabhängig vom persönlichen Alter. Also geht es um Transformation und um die Rollen von Akteuren – auch neuen –, Rollen mithin, die verteilt und neu eingenommen werden müssen.

So erklären sich die Beweggründe, mit denen ich vor anderthalb Jahren die arteFakt- Zukunftswerkstatt ins Leben rief und vier junge Designabsolventen der Bremer Kunsthochschule damit beauftragte, die arteFakt- Ideen und -Konzepte aus ihrer eigenen Generation heraus neu zu denken. Einige von Ihnen haben mich dabei materiell und ideell unterstützt, dafür bedanke ich mich hier noch einmal herzlich.

Den Prozess des Wandels wollte ich – im Hinblick auf mein Alter und meine Rolle im Unternehmen – frühzeitig in Gang setzen, um den nachfolgenden Generationen bereits im frühen Stadium Räume oder eine Bühne zu geben, wo sie ihre Ideen formulieren und sie dann auch erproben können. Am Anfang in diesem Prozess steht ein intellektuelles Konstrukt, etwa das Fünf-Phasen-Modell der unternehmerischen ‚Neu-Erfindung’ oder die Einsicht in einen kulturellen Wandel bei den jüngeren Generationen. Wenn man aber die Suche nach Transformationen ernsthaft betreibt, entsteht aus den Bemühungen schnell ein Eigenleben, und auch der eigene Blick auf die Dinge beginnt sich unplanmäßig zu verändern.

MichaliserntetOliven2012Michalis Pantelouris habe ich vor zwei Jahren, wie so oft auf dem Wege über Zufälle, kennen gelernt. Er half mir spontan bei der Projektidee, einen Salon bei den Olivenöl-Abholtagen einzurichten, in dem junge Griechen, die in Deutschland leben, uns ihr Land erklären und jenseits der Klischees verständlich machen sollten. Er tat dies mit überzeugendem Engagement, Charme und Eloquenz und achtete wenig auf die Zugluft in der Pagode, so dass er am Abend mit 39 Grad Fieber nach Hamburg zurückfuhr und am Sonntag ausfiel. Wir hatten uns dadurch nicht recht kennen lernen können und holten das später mit anregenden Gesprächen in Hamburg nach. So erfuhr ich, dass er als freier Journalist und in Teilzeit bei einer Werbeagentur seine Brötchen verdient, verheiratet und Vater zweier Töchter ist, engagiert reformerische Kommunalpolitik in St. Pauli betreibt, in Berlin geboren wurde, in Hamburg aufwuchs, einen griechischen Vater hat und bis zur Schmerzgrenze ein HSV-Anhänger ist.

Für eine Reportage zum Olivenöl, die er für das Männer-Kochmagazin Beef recherchieren sollte, wählte er als Hauptperson Dimitrios Sinanos in Klenia (Olivenöl No. 23) aus, und wir verbrachten dort einige Tage gemeinsam bei der Olivenernte. Wenn man zu- sammen arbeitet, schwitzt, sich schmutzig macht, die Mahlzeiten zusammen einnimmt und abends noch einen Wein zusammen trinkt, dann klärt sich schnell, was man voneinander zu halten hat. Michalis entdeckte dabei seine Leidenschaft zu den Oliven und auch die Faszination durch die Art, wie wir arteFakt betreiben, und ich entdeckte bei ihm eine Haltung zu den Menschen und zu den Dingen des Lebens, die so ganz auf unserer Wellenlänge lag. Es lag nahe, ihn zu fragen, ob er sich vorstellen könne, in seinem Leben auch noch einmal etwas anderes zu machen. Unschwer erkannte er den Zweck der Frage, besprach es kurz mit seiner Familie und willigte ein.

Seit dem 1. August ist Michalis nun bei uns und „lernt Olivenöl“. Dieses Kennenlernen und Einsteigen wird er als lebendiges Projekt entwerfen, organisieren und kommunizieren, um damit den Zugang für die jüngeren Generationen zu öffnen. Ihnen ist er authentisch sehr viel näher als ich, daher übernimmt Michalis auch das begonnene Projekt der Zukunftswerkstatt und wird es auf seine Weise fortführen, worüber dann schon bald im Internet unter www.bitter&scharf.de und in den „Auskünften 2014“ zu lesen sein wird. Die zweite von fünf Prozessstufen ist damit erreicht. Für die Jungen werde ich wohl weiterhin als jemand erscheinen, der altmodisch angezogen ist. Aber die Transformation ist eingeleitet, ganz sicher wird sich damit der „modische Stil“ von arteFakt entwickeln und auch bald zu sehen sein. Derweil beginne ich, mich langsam innerlich auf die Rolle des toleranten Großvaters vorzubereiten, der stolz auf seine Enkel sein und ihnen hilfreich zur Seite stehen wird. Hierfür bitte ich Sie auch weiterhin um begleitende Unterstützung und anregende wie auch kritische Anmerkungen.

Ihr Conrad Bölicke