Qualität und Transparenz

Als sich die Idee heraus bildete, uns dem Olivenöl zu widmen, und als wir 
mit der arteFakt-Unternehmung begannen – seinerzeit waren wir noch zu dritt –, gab es für mich – unter anderem – eine Verbindungslinie zur Berliner Teekampagne und eine zur Verbraucheraufklärung und Bürgerberatung.

An der TU Berlin hatte ich die erste Beratungseinrichtung für Bürger, Bürgerinitiativen, Umweltgruppen und -verbände an einer deutschen Universität mit aufgebaut und dann geleitet. Bei der Teekampagne war ich später einige Jahre Geschäftsführer. Meine Erfahrungen mit den verschiedensten Protestformen und mit der Arbeit der Aufklärung, die oft mühsam ist und Beharrlichkeit erfordert, sollten mit in die Konzeption von arteFakt und in die erste Projektidee, den „Ölwechsel“, einfließen.

Von der Teekampagne nahm ich die Erfahrung mit, dass man klein anfangen soll, dass man aber mit einer ehrlichen Idee auch verfestigte Verhältnisse aufbrechen und durchaus einigen Einfluss auf den Markt gewinnen kann. Ich hatte mir auch die Einsicht zu eigen gemacht, dass die Idee etwas unkonventionell sein darf, vielleicht sogar muss, und dass das Ziel die praktische Aufklärung sein soll, indem man Transparenz bewirkt und auf Qualität beharrt. Die Teekampagne erreichte das seinerzeit, indem sie ihre Preiskalkulation offen legte, eine unerbittliche Rückstandskontrolle der Tees durchführte und die Ergebnisse auswies.

Aus der Universität brachte ich die wissenschaftliche Methodik mit, den Dingen auf den Grund zu gehen, sowie die Konzeption der „Nachhaltigkeit“ und einer ganzheitlichen Betrachtung ökologischer Ausrichtung und Prozessführung.

 

Rückstandskontrolle und eigene Forschung

Auf dem ersten Deutschen Olivenöl-Symposium, das bereits 1996 in Bad Mergentheim stattfand, erhielten wir Informationen über die vielfältigen Verfälschungen von Olivenöl, das in den Handel kommt. Wir erfuhren von der Einschätzung der Behörden in Brüssel, dass Olivenöl dasjenige Lebensmittel innerhalb der EU sei, mit dem am meisten Betrug betrieben werde. Diese Erkenntnisse brachten uns dazu, das Konzept der Rückstandskontrolle gleich zum Standard zu machen. Wie bei der Teekampagne folgen uns auch hier nur wenige andere Anbieter in der Branche.

Mit dem Berliner Lebensmittellabor, der S.O.F.I.A. GmbH, das wir in den Auskünften 2006 vorgestellt haben, verbindet uns heute mehr als nur die Rückstandskontrolle. Seit zehn Jahren stellen uns die Olive und die Erzeugung von Olivenöl immer wieder vor neue Fragen und Herausforderungen. Lange, bevor andere es veröffentlichten, hatten wir z.B. mit S.O.F.I.A. bereits die Rückstände von Weichmachern im Olivenöl entdeckt, die von Plastikschläuchen in den Ölmühlen stammen, und unsere Erzeuger dazu veranlasst, die Schläuche auszutauschen. Ähnliches lässt sich von vielen weiteren Umfeldproblemen sagen, z.B. von den Abgasen laufender Motoren, die sich im Öl anreichern, oder von ungeeigneten Reinigungsmitteln in den Mühlen.

Alle unsere Untersuchungen dienen dazu, Faktoren auszuschließen, die die Qualität des Olivenöls mindern. Qualität ist aber mehr als nur die Abwesenheit von schädlichen Inhaltsstoffen. Die Olive ist, obwohl vermutlich die älteste von Menschen kultivierte Frucht, eigentlich sehr wenig erforscht. Da Olivenöl bisher maßgeblich als ein „flüssiges Fett“ aufgefasst wird, interessiert die Frage nach der optimalen Menge Öl, die man aus der Olive gewinnen kann, weit mehr als die nach den besten Aromen, wie man es beim Obstsaft kennt. Wir begreifen aber das Öl als ein Produkt aus dem Obstsaft der Olive. Eine solche Betrachtung war selbst für die Erzeuger neu und mit den Konsequenzen daraus betraten sie, zusammen mit uns, Neuland. Ohne eigene, durch S.O.F.I.A. unterstützte, Forschung, ohne Schulungen und Seminare mit den Erzeugern und ohne ihren Erfahrungsaustausch untereinander wären wir nicht so weit gekommen, wie wir heute sind. Auch Ihre, als Verbraucher, aufmerksame „Beobachtungen“ und die Erfahrungen, die Sie uns mitteilen, helfen uns oft, die richtigen Fragen zu formulieren.

 

Erzeuger stellen sich dem Wettbewerb und erhalten Auszeichnungen

Mit unsern umfangreichen und recht strengen eigenen Kontrollen, insbesondere im Hinblick auf die Kriterien für Qualität und deren Verifikation, gehören wir sicher mit zu den Vorreitern in der Branche. Das ist unser Ehrgeiz, an dem wir weiterhin festhalten. Ab und zu ermuntern wir unsere Erzeuger, sich auch jenseits der Angebotsbühne von arteFakt dem öffentlichen Wettbewerb zu stellen. Wie Sie dem Verzeichnis 2008 entnehmen können, tun sie das mit einigem Erfolg: offizielle Qualitätsstempel, vordere Plätze bei Bewertungen, Auszeichnungen, Preise.

 

Transparenz durch Erzeuger-Verbraucher Beziehungen

Franco Cuonzos 60ster Geburtstag

Bei einer Kurzreise zur Olivenernte in Apulien brachten die arteFakt-Besucher Franco Cuonzo ein Ständchen zu seinem 60sten Geburtstag

Verbraucher besuchen ihre Erzeuger

Manchen Weintrinkern ist es eine liebe Gewohnheit geworden, regelmäßig die Winzerfamilien zu besuchen, die ihre Lieblingsweine produzieren, und auch gleich den Jahresvorrat Wein mitzunehmen. Kommen die Weine aus Deutschland, ist das verhältnismäßig leicht zu machen. Bevorzugt man jedoch z.B. französische Weine, werden Besuche bei den Erzeugern eher selten vorkommen, und auch ein Weinvorrat ist nicht so leicht zu transportieren.

Olivenöle stammen aus Ländern, die zwar als Urlaubsziele beliebt sind, in denen man aber kaum bei den Erzeugern selbst vorbeischaut und einkauft. Mit dem Konzept und dem Angebot von fünftägigen Kurzreisen zur Olivenernte und zum Besuch bei den Erzeugern sowie mit den etwas längeren Studien-Reisen von Klaus Haase (Apulien) und Franz Gentemann (Kreta) ermöglichen wir auch den unmittelbaren Einblick in die Entstehung des Olivenöls.

Wenn Ihre individuelle Urlaubsreise Sie einmal in die Region eines der Erzeuger führt, rufen Sie uns an und lassen Sie sich eine Wegebeschreibung geben. Alle Erzeuger freuen sich über einen Besuch und zeigen Ihnen gern die Welt ihrer Oliven.

 

Olivenöl-Abholtage in Wilstedt

Erzeuger besuchen ihre Verbraucher

Weil letztlich doch nur wenige die Chance haben, die Erzeuger vor Ort zu besuchen, hatte ich vor zehn Jahren die Idee, eine Erzeugerfamilie (damals Humberto und Josefine Mallafré aus Katalonien) und den ersten, noch kleinen Kundenkreis aus „Bremen und umzu“ nach Wilstedt einzuladen. So trafen sich Erzeuger und Verbraucher erstmals für einige Stunden in meinem Bauernhaus auf der Wohndiele. Allen hatte es so gut gefallen, dass ich diese Begegnung im folgenden Jahr wiederholte, nicht ahnend, welche Dynamik sich daraus entwickeln würde. Lange schon ist die Diele zu klein geworden, und die „Olivenöl-Abholtage in Wilstedt“ haben sich zu einem überregional bedeutenden Ereignis entwickelt. Nicht nur arteFakt-Kunden aus Norddeutschland treffen sich hier mit den Erzeugern der Olivenöle, sondern Interessierte reisen aus ganz Deutschland an, wie man es vom Wein und den Winzern her kennt.

 

Conrad Bölicke, 2008