Sich selbst neu erfinden …

… und dabei in seiner Einzigartigkeit unverkennbar bleiben? Diese Aufgabenstellung kommt in ihrem Anspruch schon der Quadratur des Kreises nahe. Was in der Organisationsentwicklung unter „Nachfolgeplanung“ gehandelt wird  – und wofür Heerscharen von Beratern einschlägige Modelle und Methoden vorhalten –, muss im Fall von arteFakt natürlich auf einen eigenen Weg gebracht werden, den in Abständen zu begleiten mir eine Freude war.

Mit der arteFakt Zukunftswerkstatt hat Conrad Bölicke einen spannenden Prozess eingeleitet. Für die durch eine charismatische, ideen- und energiegeladene Unternehmerpersönlichkeit geprägte „soziale Skulptur“ arteFakt ein Nachfolgemodell zu finden ist eine „von außen“ nicht zu bewältigende Aufgabe. „Von außen“ meint hier das klassische Modell der Expertenberatung, bei dem für viel Geld Experten sagen, wie es gehen könnte – und sich für den schwierigen und umfangreichen „Rest“, der Umsetzung, aus der Affäre ziehen. „Klassische“ Expertenberatung für Designer ist z.B. der Auftrag, für ein Produkt eine ansprechende Verpackung zu entwerfen. Allen Beteiligten – Conrad zuvorderst – war von Anfang klar, dass ein solcher Ansatz hier nicht taugt. Er entschied sich dafür, sich von jungen Künstlern unter dem subjektiven Blick ihrer Generation inspirieren und „neu erfinden“ zu lassen, und er war sich auch der Risiken eines solchen Projekts bewusst. Die vier Fachhochschulabsolventen gingen diese Aufgabe mit Ideen und großem Elan an und fanden sich daher manchmal in einem Gestrüpp von Eindrücken, Erwartungen und Überlegungen wieder, die erst einmal zu sortieren waren. Aber sie kamen schließlich in ihrer Arbeit zu eindrucksvollen Ein- und Ausblicken, was ihre Generation an arteFakt attraktiv finden und sie sich für arteFakt 2.0 vorstellen könnten.

Es gibt auch wirklich stolperfreiere Themen, denen sich eine junge und engagierte Truppe von Designern widmen kann. Zumal, wenn es deren erstes gemeinsames Business-Projekt ist. Anna-Maria Müller, Zora Annabell Heinecke, Manuel Dreesmann und Kolja Burmester hatten es nicht nur mit einer charismatischen Unternehmerpersönlichkeit in einem Unternehmen zu tun, das ein komplexes soziales Kunstwerk ist und auch bleiben soll. Der Auftrag war auch, Möglichkeiten auszuloten, wie ein Unternehmen verändert, an den permanent stattfindenden Wandel seiner Umgebung angepasst werden und sich gleichzeitig im Kern treu bleiben kann. Es geht darum, ein Unternehmen resilient zum machen, wie der einschlägige Begriff lautet. Daran haben sich schon Koryphäen der Unternehmensveränderung die Zähne ausgebissen – und dann soll das einem gerade erst etablierten Team junger Designer gelingen?

 

Das Modell der Xcellience: Die Veränderung eines Unternehmens berührt seine Resilienzpotenziale auf sieben Ebenen (© tetralog Bremen)

 

Die Antwort lautet: Es kann gelingen. Die Chancen dafür sind gut. Betrachtet man die sieben Ebenen, auf denen sich die Resilienzpotenziale eines Unternehmens realisieren, dann besitzt arteFakt hervorragende Voraussetzungen dafür, sich flexibel neuen Bedingungen und Formen anzupassen und dabei seine innere Stärke zu bewahren.

Im Kern geht es bei arteFakt 2.0 darum, den Sinn des Unternehmens, seine starke Identität und seine Werte beizubehalten und sich gleichzeitig in seinen Fähigkeiten, d.h. in seinen Abläufen, seinem Kommunikationsverhalten und in der Form seines Angebots, einer veränderten Umwelt anzupassen, die durch selbstverständliche Kommunikation per digitalen Medien, Vernetzung und gelebte Globalisierung gekennzeichnet ist.

Es ist ein spannendes und kann ein sehr fruchtbares Experiment werden, sich auf diesen Weg zu machen. Wenn sich die gesamte soziale Skulptur arteFakt hierauf einlässt, wird es sie insgesamt bereichern und es wird ihr Spektrum an Handlungsmöglichkeiten erweitern. Nichts ist so wertvoll, wie eine Idee zu erkennen, deren Zeit gekommen ist. Und es ist für arteFakt sicher eine solche glückliche Fügung, dass gut 40 Jahre nach ´68  und fast 25 Jahre nach ´89 eine Generation stärkere Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen und Berücksichtigung ihrer Lebensweise fordert und sich gleichzeitig mit Conrad Bölicke einer der engagiertesten Promotoren von zivilgesellschaftlichem Engagement die Frage nach dem Fortbestehen seines Lebenswerks über seine aktive Zeit hinaus stellt.

Die arteFakt Zukunftswerkstatt hat dafür zukunftsfähige Perspektiven aufgezeigt, von denen hier und an anderer Stelle sicher bald ausführlich die Rede sein wird. Entscheidend wird dafür sein, dass es allen an der sozialen Skulptur Beteiligten gelingt, ihre Mission, ihre Identität und ihre Werte aufrechtzuerhalten. ArteFakt geht es nach wie vor darum, eine gerechtere, nachhaltigere und verantwortlichere Form des Wirtschaftens zu praktizieren, das heißt: die Werte der Beteiligung, der Ökologie, der Freude an Austausch und Gemeinsamkeit mit neuen Formen von Angebot und Austausch zu verbinden. Und diese starken Säulen werden auch die von arteFakt 2.0 sein.

Ich bin davon überzeugt, dass der angeschobene Entwicklungsprozess eine inspirierende Wachstumserfahrung für alle diejenigen werden kann, die sich daran beteiligen. Dass Ihnen diese Option offen steht und dass es begrüßt wird, wenn Sie sie auch ergreifen, steht für mich, der ich die soziale Kunst des Conrad Bölicke sehr schätze und bewundere, außer Frage. Deshalb geht  mein Appell an die vielen arteFakt- und Olivenölfreunde, dieses spannende Experiment nach Kräften zu unterstützen.

Dr. Geerd Philipsen
(in leicht gekürtzter Fassung veröffentlicht in den arteFakt-Herbstauskünften 2012)

Der Autor berät seit 20 Jahren mit seiner Firma tetralog Bremen Organisationen und Unternehmen in Entwicklungs- und Veränderungsprozessen www.tetralog-bremen.de, hatte mit Conrad Bölicke bereits im Pilotprojket „Gründer-Fitness-Center“ der Hamburger Grünen zusammen gearbeitet und freut sich immer über einen Austausch über neue Ideen, per E-mail: gp@tetralog-Bremen.de

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